Das Philosophische Quartett
Arm, aber sexy? Die Zukunft unserer Städte
ZDF, Sonntag, 18. September 2011, 00:10 Uhr
Gäste
Prof. Dr. Michael Mönninger, Architekturhistoriker
Prof. Dr. Werner Sobek, Architekt
DAS THEMA
Arm, aber sexy: So nannte Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, einst den Zustand der deutschen Hauptstadt. Er umriss mit seinem Aperçu, das alsbald zum geflügelten Wort wurde, zugleich den Charme wie die Defizite seines Gemeinwesens, traf die spezifische Attraktivität Berlins und ließ die Mängel, ohne sie gänzlich zu verbergen, im politisch gewollten hinlänglich Diffusen.
Aus welchen Quellen speist sich die Lebenskultur einer Stadt, der altüberkommenen europäischen Bürgerstadt zumal? Nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs wurde aus gegebenem Anlass gerade in Deutschland mancherlei versucht: Die „autogerechte Stadt“ huldigte der schrankenlosen Mobilität – und vergaß dabei die Geborgenheit suchenden Menschen; als man die „menschenwürdige Stadt“ mit ihren stillgelegten Räumen, so genannten Fußgänger-Zonen, schuf, vermisste man plötzlich die Vitalität des Verkehrs; als man mit Mietskasernen billigen innerstädtischen Wohnraum anbot, fehlte den Menschen das Grün; als sie vor die Stadt in die ländlichen Vororte zogen, verödeten die urbanen Räume zu Büroblocks.
Das dem Stand moderner Zivilisation und den Bedürfnissen einer soziologisch diffusen, längst viele Ethnien vereinigenden Stadtgesellschaft entsprechende Stadtmodell hat also multifunktional zu sein. Und das ist auch gut so, ließe sich hier wiederum mit Berlins Regierendem sagen. Denn schon in der älteren Geschichtsbetrachtung wurde des öfteren bemerkt, dass alle höhere Zivilisation Stadtkultur gewesen sei. Umgekehrt nimmt es nicht Wunder, wenn Zivilisationskritik von altersher im Gewand der Stadtkritik auftrat.
Auch in der Gegenwart bilden Lob und Tadel des städtischen Lebens den Brennpunkt der Reden über die Zukunft der Zivilisation. Seit geraumer Zeit gibt der weltweit scheinbar unaufhaltsame Zug zur Verstädterung des modernen Lebens Anlass zur Sorge. Man sprach vor einigen Jahrzehnten sogar von der „Zeitbombe Stadt“, deren Explosion die Verwüstung aller bisherigen zivilisatorischen Errungenschaften mit sich bringen würde. In den jüngsten Debatten über Fragen der Urbanistik dominieren eher offensive, ja sogar optimistische Töne – bis hin zu der These: Die Städte werden die Welt retten.
Tatsache ist jedenfalls, dass auf die Stadtkultur der Zukunft große Aufgaben zukommen. Es sind vor allem die Metropolen und Megacitys der Welt, in denen die größte Herausforderung der Zukunft, die ökologische Transformation des modernen Modus vivendi, zu kreativen Lösungen führen muss, wenn das Abenteuer Stadtkultur das 21. Jahrhundert bestehen soll.
Wie unsere Städte künftig aussehen, wie sie allen gesellschaftlichen Gruppierungen angemessene Teilhabe ermöglichen sollen, wie also das Abenteuer Stadtkultur erfolgreich ausgehen und die Zukunft unserer Städte und unseres Lebens darin gestaltet werden kann, darüber diskutieren Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit zwei ausgewiesenen Experten: mit Michael Mönninger, dem Braunschweiger Professor für Geschichte und Theorie, der Bau- und Raumkunst, einem der besten Kenner aller Fragen der Stadtentwicklung, und Werner Sobek, dem in aller Welt gefragten Architekten und Ingenieur sowie Professor an den Universitäten von Stuttgart und Chicago. Bei allen Differenzen und Differenzierungen bei Lösungsversuchen, radikalen wie konservativen, stimmen doch alle in einem Punkt überein: Stadtplaner, Architekten, Künstler und Philosophen sind gemeinsam gefordert, am Projekt einer Stadt der Zukunft zu arbeiten.
Die Gäste
Er hätte auch eine glanzvolle journalistische Karriere machen können: Michael Mönninger, 1958 in Paderborn geboren, absolvierte nach Abitur und einem Studium der Germanistik, Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte in Frankfurt eine Ausbildung zum Journalisten der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Acht Jahre lang war er Architekturkritiker im Feuilleton der FAZ, nahm danach einen kunsthistorischen Lehrauftrag an der Universität Frankfurt wahr, bevor er für ein gutes Jahr als Architekturkritiker des Spiegel in Hamburg wirkte. 1995 wurde er mit einer Arbeit über den österreichischen Architekten, Stadtplaner und Theoretiker Camillo Sitte in Karlsruhe zum Dr. phil. promoviert. Danach folgte er einer Einladung ans Wissenschaftskolleg zu Berlin, um dort über Architektur- und Stadtentwicklungstheorien in historischer Perspektive zu forschen. Einmal in Berlin, wurde er danach Leitender Redakteur und Architekturkritiker der Berliner Zeitung, die er für eine Ordinariatsvertretung an der Universität Wien zu Theorie und Geschichte der Architektur aufgab, um aber ein Jahr darauf als Leitender Redakteur zur Welt nach Berlin und Brüssel zu gehen, woran sich eine vierjährige Frankreich-Korrespondenz für die Wochenzeitung Die Zeit in Paris anschloss. Seit 2007 gehört er nun ganz der Wissenschaft, als Professor für Geschichte und Theorie der Bau- und Raumkunst lehrt er an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Mönninger ist Mitglied zahlreicher bedeutender Jurys, er sitzt Kuratorien bei, ist seit 2003 Mitherausgeber der historisch-kritischen Gesamtausgabe der Schriften und Entwürfe von Camillo Sitte. Er war Stipendiat des Marshall Memorial Fund in den Vereinigten Staaten und erhielt den Kritikerpreis der Bundesarchitektenkammer. Vielfältig und in ihrer Fülle beeindruckend sind seine Publikationen, in Büchern, Beiträgen in Sammelwerken, Katalogen und Periodika hat er sich zu kulturwissenschaftlichen und urbanistischen Themen geäußert, hat sich mit kritischen Berichten zur zeitgenössischen Architektur und zu Raumplanungsprojekten unverwechselbar zu Wort gemeldet. Sein letztes Buch erschien 2010, eine Ausgabe des Gesamtwerks der Architektenvereinigung Coop Himmelblau.
Wenn sich Architektur mit Ingenieurskunst verbinden soll, ist er der stets und überall gefragte Mann: Werner Sobek, 1953 in Aalen/Baden-Württemberg geboren, gehört zu der kleinen Gruppe deutscher Bauingenieure und Architekten, deren Wirken international beachtet und gefordert wird. Als einer der wichtigsten Ingenieure der Gegenwart hat er Architekten wie Norman Foster, Gerkan und Marg, Hans Hollein, Gunter Henn, Helmut Jahn, Zaha Hadid wesentliches Know-how beim Bau von Hochhäusern, Flughäfen und Museen geliefert, zugleich aber als Architekt mit zukunftweisenden Projekten eigenen Rang erworben. Weltbekannt mittlerweile ist das Glashaus R 128, das er sich und seiner Familie in Stuttgart errichtet hat, ein vielbestauntes und wegweisendes Beispiel für konsequent ökologisches Bauen. Sobek, der ein Ingenieurs- und Architekturstudium an der Universität Stuttgart absolviert hat, wurde 1994 als Nachfolger von Frei Otto, dem Architekten des Olympiageländes in München, Professor in Stuttgart und Direktor des Instituts für Leichte Flächentragwerke und des Zentrallabors des konstruktiven Ingenieurbaus. 2000 übernahm er einen zweiten Lehrstuhl und gründete das Institut für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren. Acht Jahre zuvor hatte er sein eigenes Architekturbüro eröffnet, das nicht nur in Stuttgart, sondern auch in Frankfurt/Main, in Moskau, New York, Kairo und Dubai Niederlassungen unterhält. Neben seiner regen Entwurfs- und Bautätigkeit weitete sich sein wissenschaftliches Wirken aus: Er war Gastprofessor der Universität Graz, Vorsitzender des Hochschulrats der neugegründeten Hafen City Universität in Hamburg, er nimmt Professuren in Harvard und Chicago wahr. Er ist Dr.-Ing. E.h. der Technischen Universität Dresden. Heute ist Sobek als Professor und Inhaber einer Firmengruppe mit mehr als zweihundert Mitarbeitern sowie als Prüfingenieur für Baustatik aller Fachrichtungen tätig. Schwerpunkt seines Denkens und Schaffens ist die Optimierung von Form und Konstruktion in Bezug auf Material- und Energieaufwand, Dauerhaftigkeit und Zuverlässigkeit, Recyclierbarkeit und Umweltverträglichkeit. Seine publizistische Arbeit ist so vielfältig wie seine wissenschaftlichen und architektonischen Interessen. Eine seiner neuesten Überlegungen findet sich in dem Periodikum Beton- und Stahlbetonbau von 2010 über „Die Sanaya Towers in Amman. Eine tragwerksplanerische Herausforderung“. Sobek ist Träger zahlreicher Auszeichnungen, so erhielt er den Fritz-Schumacher-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung F.V.S., zuletzt wurde ihm 2010 die Médaille de la Recherche et de la Technique der französischen Académie d’Architecture verliehen. Immer wieder wurde auch in in- und ausländischen Ausstellungen sein Werk gewürdigt, zuletzt 2010 auf der Architecture Biennale Moscow.