Das Philosophische Quartett
Irrationale Finanzwelt: Das Gespenst des Kapitals
ZDF, Sonntag, 19. Juni 2011, 23:55 Uhr
Gäste:
Prof. Dr. Joseph Vogl, Kulturwissenschaftler
Gabor Steingart, Journalist
DAS THEMA
Was ist los mit der Welt-Finanzökonomie? Wenn der Schein nicht trügt, hat sie sich von vertrauten konservativen Formen der Geldmehrung ab- und einem nicht mehr nachvollziehbaren System der so unerbittlichen wie irrationalen Gewinnmaximierung zugewendet – mit den nun bekannten Ergebnissen. Am Anfang war – es ist erst gut drei Jahre her und doch schon längst Geschichte – der Zusammenbruch des amerikanischen Immobilienmarkts und in dessen Folge unter anderem der Crash der New Yorker Lehman-Brothers-Bank. Was Betrachtern im ersten Augenblick noch als wenn auch schwerwiegendes, so doch nationales Ereignis erschien, entwickelte sich in einem schier endlosen Katastrophenstrudel zum Global-Desaster der Finanzwelt und vieler Volkswirtschaften.
Wie konnte es dazu kommen, wie war es möglich, dass sich nahezu alle Welt wie besinnungslos auf finanzökonomische Spiele einließ, deren Risiken derart unüberschaubar waren? Betroffen forscht man nach den Ursachen: War dieses Finanzsystem auf Sand gebaut? Wurde die Natur des Geldes pervertiert, und wofür stand das Kapital – für das Äquivalent erbrachter Leistung und effizienter Produktion? War es erwirtschaftet – oder diente es nur als Spielmasse für Spekulationen und Luftgeschäfte? Hatte der Kapitalismus seine Grundlagen verraten?
Mit Joseph Vogl und Gabor Steingart haben sich Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski zwei Experten in die Runde des Philosophischen Quartetts geladen, die durchaus unterschiedlich auf die gegebene Situation reagieren. Während Vogl, Kulturwissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin, in einem aufsehenerregenden Essay das Kapital als „Gespenst“ ausmacht und damit zeigen will, dass die Logik der weltweiten Finanzökonomie nur eine scheinbare sei, da sie sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter von den realpolitischen Bindungen an das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage gelöst hat und nun auf nichts anderem mehr als auf der absurden Unvernunft des sich selbst garantierenden Geldes beruhe, stellt sich für Steingart eine andere Frage. Er nämlich hinterfragt nicht zuvörderst eine Struktur, er fragt nach den handelnden Menschen, ihrer schuldhaften Gier nach gewissenloser Gewinnmaximierung und dem Aussetzen jeder systemstabilisierenden Verantwortung. Virtuelle, fiktive Ökonomie verdiene eben diesen Namen nicht.
Die globale Finanzkrise ist, auch wenn Politiker dies gern behaupten, noch ganz und gar nicht überstanden. Hat man aus ihr gelernt, sind Maßnahmen zu ihrer Bewältigung und Vorkehrungen zur Abwehr einer folgenden krisenhaften Verdichtung getroffen worden? Hat man die gegenwärtige Krise überhaupt begriffen? Ist, so fragen die Philosophen, die Finanzwirtschaft noch eine Triebkraft der Realwirtschaft – oder ist sie zum Parasiten geworden, der die Realwirtschaft überwuchert und zu ersticken droht? Ist die Finanzwirtschaft also, in der es dem Anspruch nach rational zugehen soll, selbst zum Ausdruck des Irrationalen geworden?
In der Finanzökonomie wird schon viel zu lange mit künftigen und erwarteten Werten gehandelt, es wird eine Zukunft bewirtschaftet, von der man glaubt, dass sie sich kalkulieren und berechnen ließe. Die Krise aber beweist das Gegenteil. Die Finanzwirtschaft musste durch staatliches Handeln, durch Garantien der Steuerzahler also, gerettet werden. Gibt es überhaupt eine Chance für die ordungspolitische Zähmung der Finanzmärkte, ehe sie immer wieder versagen? Aus den angeblich kontrollierbaren Risiken sind wieder die unberechenbaren Gefahren geworden. Gehören die Katastrophen zum Geschäftsmodell? Gilt, so fragen Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski schließlich sich und ihre Gäste, für die Finanzwirtschaft vielleicht dasselbe wie für den Zauberlehrling, der sich der Geister, die er rief, nicht mehr erwehren konnte?
DIE GÄSTE
Gabor Steingart, 1962 in Berlin geboren und bei Fulda in Osthessen aufgewachsen, zeigte schon als Schüler journalistisch-schriftstellerischen Elan und veröffentlichte sein erstes Buch („Widerspruch unerwünscht“) über die Fuldaer Zeitung. Nach dem Studium von Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Germanistik absolvierte er die Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten und wurde Reporter der „Wirtschaftswoche“. Von 1990 an war er für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in unterschiedlichen Funktionen tätig, zunächst als Redakteur in Leipzig, Bonn und Berlin. 1995 wurde er Ressortleiter Wirtschaft, 2001 Leiter des „Spiegel“-Hauptstadtbüros in Berlin, 2007 schließlich Washington-Korrespondent des Magazins. Seit 2010 ist er Chefredakteur der Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“. Als kritische Stimme, die sich vehement zu Fragen globaler und nationaler Politik, der Wirtschafts- und Finanzwelt sowie der gesellschaftlichen Zustände in diesem Land äußert, ist Steingart nicht nur in seinen Blättern, sondern auch als Autor zahlreicher Bücher vernehmbar, die die öffentliche Meinung provozierten und nahezu ausnahmslos zu Bestsellern wurden. Soeben erschien „Das Ende der Normalität: Nachruf auf unser Leben, wie es bisher war“.
Joseph Vogl, 1957 im niederbayrischen Eggenfelde geboren, ist seit 2006 Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur, Literatur- und Kulturwissenschaft/Medien an der Humboldt-Universität Berlin. Nach seinem Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte in München und Paris wurde er 1990 von der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität im Fach Deutsche Literaturwissenschaft promoviert, wo er sich 2001 im selben Fach auch habilitierte. Seine Forschungsschwerpunkte, unter anderen die Politologien des Wissens, Geschichte und Theorie des Wissens, Geschichte von Gefahr und Gefährlichkeit in der Neuzeit, haben ihn zu einem auch international gefragten Wissenschaftler werden lassen; so war er 2005/2006 Visiting Professor an der Princeton University und 2007 an der Universität von Berkeley; seit 2007 ist er Permanent Visiting Professor in Princeton. Vielfach ist Vogl auch als Autor, Herausgeber und Übersetzer hervorgetreten. So übertrug er wichtige französische Philosophen wie Gilles Deleuze („Differenz und Wiederholung“) und Jean-François Lyotard („Der Widerstreit“) ins Deutsche. Zuletzt versetzte er mit seinem großen Essay „Das Gespenst des Kapitals“ (2011), einer von der Kritik als bedeutend eingeschätzten Kulturgeschichte der Finanzökonomie, die Protagonisten der Finanzwelt in beträchtliche Unruhe.