Das Philosophische Quartett

Sturm der Geschichte – Warum uns Revolutionen überraschen

ZDF, Sonntag, 3. April 2011, 23:45 Uhr

Gäste:
Thea Dorn, Schriftstellerin
Prof. Dr. Herfried Münkler, Politologen



DAS THEMA

Als sich zum Jahreswechsel das Volk Tunesiens gegen seine Machthaber erhob und den Diktator Ben Ali und seinen Clan verjagte, ging ein ungläubiges Staunen durch die westliche Welt. Revolte in einem arabisch-islamischen Land ohne fundamentalistisch-islamistische Aufrührer: Das war von niemandem erwartet worden. Die Politik reagierte irritiert, mit vorsichtiger Euphorie, da man ein Aufbrechen demokratischer Impulse erhoffte. Die Irritation in den westlich-demokratischen Gesellschaften wurde aber geradezu mit Händen greifbar, als der Furor der tunesischen Jasmin-Revolte alsbald übersprang, zuerst nach Ägypten, wo, nicht zuletzt durch kluge Zurückhaltung des Militärs, Präsident Mubarak zum Rücktritt gezwungen und seine Regierung weitgehend ersetzt werden konnte. Eine Übergangsregierung bereitet, so heißt es, jetzt freie Wahlen vor, eine Verfassung wird erarbeitet.

Doch kaum war der Aufstand auf Kairos Tahrir-Platz auf seinen Höhepunkten angelangt, folgten „Tage des Zorns“ im nahezu gesamten arabischen Raum, im Yemen, in Oman, in Bahrein begehrten und begehren die Menschen gegen die Potentaten auf, fordern demokratische Teilhabe am nationalen Wohlstand und soziale Sicherungen. Die Königreiche Marokko und Jordanien haben die Unruhen durch mancherlei Reformzusagen noch dämpfen können.

Aber vollends außer Kontrolle sind die Tumulte in Libyen geraten, wo in hochblutigen, bürgerkriegsähnlichen Kämpfen der Diktator Gaddafi gegen die Aufständischen um sein politisches Leben zittert. Nach Hunderten zählen nun die Toten, nach Hunderttausenden die Flüchtlinge und solche, die in ihrer Verzweiflung nicht wissen, wo sie sich in Sicherheit bringen können.

Niemand vermag heute zu sagen, wohin diese nahezu die gesamte arabische Welt erfassende emanzipatorische Rebellion, wohin der unbändige Volkszorn führen wird, ob er in einer wirklichen Revolution enden wird mit wachsenden demokratischen Strukturen oder in einer gewaltigen Anarchie. Noch klaffen auch die Abgründe überall.

Wenn schon die Geschicke von Rebellion und Rebellen nicht auf ein sicheres Gelingen hin gedacht werden können, so gibt der Beginn des Aufstandes die größten Rätsel auf. Wer oder was entzündete so plötzlich und offenbar ohne jede Vorwarnung die tunesische Stichflamme, die Arabien in Brand setzte? War, womit niemand gerechnet hatte, worauf kein Geheimdienst zuvor hatte aufmerksam machen können – war es gewissermaßen die Geschichte selbst, die den Prozess einer gewaltigen, offenbar unbemerkt seit Jahren und Jahrzehnten aufgestauten sozialen Druck-Entladung von vulkanischen Dimensionen auslöste? Da gab es kein Drehbuch, keine nach Plan handelnden Akteure – es gab spontane, massenhafte Aktion, die freilich, befördert von den jungen neuen Medien wie Internet, Facebook und Twitter, sich zu einem Ziel kanalisierte: den Sturz der Tyrannen.

Nicht wenige hierzulande fühlten und fühlen sich an den Fall der Berliner Mauer erinnert, an die Montagsdemonstrationen in Leipzig, von denen ein Signal zum Aufbegehren der DDR-Bürger ausging, das in kürzester Zeit zum Ende des kommunistischen Regimes führte. Auch damals war der Westen überrascht, die Menschen hatten ihr Schicksal selbst in die Hand genommen, die Geschichte, ihre und unsere Geschichte, nahm unverhoffte Wendung.

Und es war ja, beileibe,  nicht das erste Mal, dass die Ereignisse die Gewissheiten der Welt überrollten. Die Unvorhersehbarkeit des historischen Prozesses – sollte man sie sich nicht wenigstens eingestehen? Höchst selten sind bedeutende geschichtliche Umbrüche vorhergesehen worden. Das gilt auch und gerade für die letzten Jahrzehnte. Die Revolte von 1968, die islamische Revolution im Iran, den Zusammenbruch des Ostblocks, die Weltfinanzkrise hatte man zuvor nicht im Visier. Und mit dem Sturm, der jetzt durch die arabische Welt fegt, hat natürlich  ebenso wenig auch nur ein Mensch gerechnet. Ganz offenbar leben wir in einer Zeit notorischer Überschätzung der prognostischen Kompetenzen. In einer Welt des beschleunigten Wandels muss über das altbekannte Problem der Torheit einer Politik, die nur mit kurzen Fristen rechnet, wieder nachgedacht werden. Was wird aus der Kunst des Möglichen bei soviel Blindheit für das angeblich Unmögliche? Muss der Zusammenhang von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont neu justiert werden?

Über diese Fragen setzen sich Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit ihren Gästen auseinander, mit Thea Dorn, der Philosophin und Schriftstellerin, und mit Herfried Münkler, dem wohl profiliertesten Politologen Deutschlands.


DIE GÄSTE

Thea Dorn, 1970 in Offenbach am Main geboren, ist als Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin populär geworden. Sie studierte zunächst Gesang und später Philosophie und Theaterwissenschaften in Frankfurt am Main, Wien und Berlin. Ihren Künstlernamen wählte Christiane Scherer, wie Thea Dorn eigentlich heißt, in Anspielung auf den Philosophen Theodor W. Adorno. An der Freien Universität Berlin dozierte sie über Fragen der modernen Ethik und Ästhetik. Die Romane und Theaterstücke, die sie nach einer Reihe von Kriminalromanen schrieb, sind im wesentlich kritisch analysierende Milieuschilderungen. So beschrieb sie in ihrem letzten, 2008 erschienenen Roman „Mädchenmörder: Ein Liebesroman“ die ungewöhnliche Beziehung des Opfers zum kaltblütigen Täter. Ihr erstes Sachbuch, das 2006 erschien und den Titel trägt „Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird“, versteht sie als einen Beitrag zu einer „neuen ideologiefreien Geschlechter- und Feminismusdebatte“. Zuletzt erschien der Groß-Essay „Ach, Harmonistan – deutsche Zustände“ (2010).

Seit 2003 moderiert die Schriftstellerin im Fernsehen Literatursendungen, zunächst gemeinsam mit Dirk Schümer „Schümer und Dorn“, nun im Wechsel mit Felicitas von Lovenberg „Literatur im Foyer“ im SWR und neuerdings alternierend mit der französischen Journalistin Isabelle Giordano die Talkshow „Paris – Berlin“ in arte. Thea Dorn bezeichnet sich gelegentlich als aufgeklärte Humanistin, die auch in den christlichen Religionen „eine Sehnsucht nach Fundamentalismus“ erkennt. Sie wurde unter anderen mit dem Raymond-Chandler-Preis ausgezeichnet.

Prof. Dr. Herfried Münkler, geboren 1951 in Friedberg/Hessen, ist einer der profiliertesten Politologen Deutschlands. Seit 1992 lehrt er als Professor für Theorie der Politik im Fachbereich Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin politische Ideengeschichte.

Nach seiner Promotion (1981) über „Macchiavelli und die Krise der Republik Florenz“ – ein Standardwerk bis heute – an der Goethe-Universität Frankfurt und seiner Habilitation ebendort mit der Schrift „Staatsraison. Ein Leitbegriff der Frühen Neuzeit“ (1987) nahm er seine Lehrtätigkeit an der Frankfurter Uni auf und machte sich zugleich durch eine Fülle von Publikationen in Fachperiodika sowie ideenpolitische Essays in Publikumszeitschriften und Zeitungen einen Namen im engeren Kreis seiner Wissenschaft wie in einer breiten interessierten Öffentlichkeit. Mit einer beeindruckenden Reihe von Büchern, vor allem solchen über die veränderten Strukturen moderner Kriegsführung („Asymmetrie“) und kriegsgeschichtlichen Reflektionen erregte er die Aufmerksamkeit politischer Kreise. Spätestens nach seinem 2005 erschienenen Buch „Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – Vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten“ gilt er als politischer Meisterdenker und wird von führenden Politikern als Gesprächspartner und Ideengeber geschätzt. Zuletzt erschienen „Die Deutschen und ihre Mythen“ (2009), eine Ideengeschichte über zweitausend Jahre, für die er mit dem „Preis der Leipziger Buchmesse“ ausgezeichnet wurde, sowie, 2010, „Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung“.

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