Das Philosophische Quartett
Universum ohne Gott?
ZDF, Sonntag, 28. November 2010, 23:55 Uhr
Gäste:
Professor Dr. Dr. h.c. Friedrich Wilhelm Graf, Theologe
Gero von Randow, Wissenschaftsjournalist „Die Zeit“
DAS THEMA
Nietzsche irrt, wenn er behauptet „Gott ist tot“, denn Gott gibt es nicht.
Mit dieser These hat der sprach- und gehbehinderte Astrophysiker Stephen Hawking einen lautstark geführten Disput über den Ursprung des Universums ausgelöst, vor allem bei den Theologen, die sich begreiflicherweise nicht damit abfinden können, dass die Erschaffung des Weltalls nicht Gottes großer Wurf und eine unumstößliche Glaubenssache sein soll. Mit seinem Diktum widerspricht Hawkings auch seinem Vorgänger aus dem Lucasischen Lehrstuhl in Cambridge, Isaac Newton (1643 – 1727), der die Auffassung vertrat, dass das Universum schon wegen der bestehenden Naturgesetze nicht aus dem Chaos entstanden sein kann.
Es ist nun mal eine schwer zu verinnerlichende Vorstellung, dass das Universum ganz aus sich selbst heraus entstanden ist, ohne Schöpfung und vor allem ohne Schöpfer, nur den Gesetzen der Gravitation gehorchend. Indem Hawking die widerstreitenden Thesen der Relativität und der Quantenphysik zur „Theorie von allem“ zusammen zu führen versucht, glaubt er herausgefunden zu haben, dass das Weltall „nicht auf Intervention eines übernatürlichen Wesens oder Gottes angewiesen“ sei. Es gibt also keinen Gott, der das Licht angezündet und das Universum in Gang gesetzt hat.
Da passt die ordnende Hand Gottes, die alles lenkt und zusammenhält, nicht mehr ins Bild von der Selbstorganisation des Universums, das, folgt man Hawking, nicht einzig ist. Denn es gibt, so sagt er, unzählige, ganz unterschiedliche Universen mit jeweils eigenen Naturgesetzen. Viele Welten und kein Gott.
Folgt man dieser Auffassung, so scheint die Erde, die Sonne, das Sonnensystem und unser ganzes Universum speziell für uns gemacht zu sein. Und ist das nicht doch ein Beleg für die Existenz eines Gottes?
Wie kann denn auch das Universum, mit all seinen Gesetzen und seiner gewaltigen Ordnung ein Zufall sein, sagen die Verfechter des Schöpferglaubens. Es ist Wille. Denn jede Wirkung setzt eine Ursache voraus. Wenn also alles gewollt ist, dann muss es eine Macht geben, von der das Sein der Lebewesen abhängt. Es ist der Allmächtige.
Die Klärung der Frage, ob denn Gott wirklich existiere, ist seit Menschengedenken versucht worden, obwohl der Kirchenlehrer Augustinus verfügt hatte, wer solche Fragen stelle, für den ist die Hölle reserviert. Die zahlreichen Gottesbeweise, meist klärende Reflexionen auf den Gottesbegriff, wurden von bedeutenden Religionskritikern, wie Kant oder Ludwig Feuerbach verworfen, letzterer versuchte mit seiner Projektionstheorie zu beweisen, dass Gottes Existenz eine Fiktion ist. Traditionell ist das Frage- und Antwortspiel um die Geheimnisse des Kosmos Sache der Philosophie. Doch „die Philosophie ist tot“, sagt Hawking. Sie hat mit den neueren Entwicklungen in den Naturwissenschaften, vor allem in der Physik, nicht Schritt halten können, die mit ihren Entdeckungen die Suche nach der Erkenntnis voranbringen.
Trotz des Hawkingschen Verdikts werden die Philosophen Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski versuchen, Früchte vom Baum der Erkenntnis zu pflücken, wenn sie die großen Menschheitsfragen stellen:
Warum existieren wir?
Warum gibt es etwas und nicht nichts? Gibt es eine objektive Realität, die der Wissenschaft zugänglich ist? Woher kommt alles? Kann es Universum aus dem Nichts entstehen oder braucht es dafür Gott? Gelingt es, die Weltformel zu finden?
DIE GÄSTE
Gero von Randow, 1953 in Hamburg geboren, ist seit Jahrzehnten ein prägender Journalist in der deutschen Presse und seit 2008 Auslandskorrespondent der Wochenzeitung „Die Zeit“ in Paris. Nach bestandenem, ersten Staatsexamen seines Jurastudiums schlug von Randow, wie schon sein Vater Thomas von Randow, die Journalistenlaufbahn ein und übernahm Ende der siebziger Jahre den Chefredakteurs-Posten des sozialistischen Jugendmagazins „elan“. Heute fragt er sich, was ihn wohl damals bewogen hat „linksradikal“ zu sein. Es folgten vier Jahre als freier Wissenschaftsjournalist, ab 1988 war er Redakteur im Wissenschaftsressort der „Zeit“. Unter anderem zeichnete von Randow auch für die Essay-Seite „Themen der Zeit“ verantwortlich und stieg im Jahr 2000 zum stellvertretenden Ressortleiter Politik auf.
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung profitierte zwischen 2001 und 2003 von Randows langjähriger Erfahrung beim Aufbau eines eigenen Wissenschaftsressorts. Ab 2005 verpflichtete „Die Zeit“ von Randow erneut und betraute ihn mit der Aufgabe des Chefredakteurs ihrer Internetausgabe „Zeit online“, der er drei Jahre lang nachkam. „Von allen Wissensgebieten war dasjenige, das mich am meisten interessierte, immer die Mathematik“.
In der Reihe „Was liegt an?“ meldet sich von Randow im Onlineportal mit betont lockeren Videokommentaren regelmäßig aus Paris zu Wort. Daneben ist er seit 2004 Mitherausgeber des Wissenschaftsmagazins „Zeit Wissen“ und Autor zahlreicher Bücher, in denen er sich ebenso mit wissenschaftlichen als auch mit kulturellen und kulinarischen Themen auseinandersetzt.
Von Randow erhielt 2002 den Medienpreis der deutschen Mathematiker-Vereinigung und 2003 den European Science Writers Award.
Prof. Dr. Dr. h.c. Friedrich Wilhelm Graf zählt zu den profiliertesten Religionswissenschaftlern in Deutschland. Obwohl 1948 in eine traditionsreiche Kaufmannsfamilie geboren, entschied sich Graf, geprägt durch die protestantische Internatszeit, bereits im Alter von 16 Jahren für das Theologie-Studium. Ab 1968 studierte er in Wuppertal, Tübingen und München Philosophie, Geschichte und Theologie, worin er 1978 promovierte und 1986 habilitierte. Nach einem zweijährigen Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft folgten wissenschaftliche Forschungsjahre als Professor für Systematische Theologie und neuere Theologiegeschichte an Lehrstühlen in Hamburg und Augsburg. Hier war Professor Graf maßgeblich am Aufbau der Ernst-Troeltsch-Forschungsstätte beteiligt, deren Präsident er noch heute ist. 1999 kehrte Graf nach München zurück, wo er zum Ordinarius für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilian-Universität berufen wurde. Im selben Jahr erhielt er als erster Theologe den renommierten Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die ihn als den „produktivsten Systemiker und Theologiehistoriker seiner Generation“ auszeichnete. Neben zahlreichen Buchpublikationen, wie „Die Wiederkehr der Götter“ (2ßß4) oder „Über Glück und Unglück des Alters“ (2010) meldet sich der Professor regelmäßig als freier Autor in großen deutschen Zeitungen und im öffentlichen Diskurs zu Wort und wird damit seiner eigenen Aufforderung gerecht, dass die Theologie, mehr als die anderen Kulturwissenschaften, gegenwartsbezogene Fragen in den Blick nehmen müsse. So stellte er in einem polemischen Artikel die evangelisch-lutherische Bayerische Landeskirche in Frage: „Unkultur-Protestantismus – Die Bayerische Landeskirche auf dem Weg zur Sekte“.