Das Philosophische Quartett
Weniger Deutschland – sterben die Deutschen aus?
ZDF, Sonntag, 17. Oktober 2010, 00:20 Uhr
Gäste:
Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Soziologe,
Dr. Michael Naumann, Chefredakteur „Cicero“
DAS THEMA
Es ist unabweisbar, es ist unentrinnbar. Die Zahlen der prognostischen Demographie belegen in nüchterner Gnadenlosigkeit: Die Deutschen sterben aus. Oder, weniger alarmistisch: Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts wird die Anzahl der Bundesbürger dramatisch gesunken sein. Die Angaben der Demoskopen schwanken zwar relativ stark – die einen sehen im Jahr 2050 einen Rückgang der Bevölkerung um gut zehn Millionen auf siebzig Millionen, bis zur nächsten Jahrhundertwende um gut zwanzig auf sechzig Millionen Bürger; andere Institute rechnen gar mit einem jeweils doppelt so hohen Verlust.
Unabweisbar, unentrinnbar – die Politik freilich will auf die besorgniserregende Nachricht bis heute nicht reagieren. Sie stellt sich taub. „Liebling, ich habe Deutschland geschrumpft“ – kann man das ernste Thema veralbern? Klar ist, dass mit dem schon längere Zeit diagnostizierten und von Autoren wie Frank Schirrmacher oder neuerdings Thilo Sarrazin publikumswirksam benannten Problem einer progressiven Überalterung der deutschen Gesellschaft (einem Prozess, der die gesunde Figur der Bevölkerungspyramide auf den Kopf stellt) auch eine Spirale degressiver Fertilität entstanden ist, die zwangsläufig in radikalen Bevölkerungsschwund führt. Und zwar unaufhaltsam: Selbst wenn sich die Geburtenraten in Deutschland (nur Italien weist in Europa noch schlechtere Zahlen aus) wieder erholten, gar vervielfachten – wenig wäre gegen den starken Trend zur Schwächung gewonnen.
Selbstverständlich wird die schleichende und unablässige Reduktion des deutschen Staatsvolks Konsequenzen haben: Konsequenzen in Wirtschaft und Produktion, Konsequenten in Bildungswesen und Wissenschaftsbetrieb, Konsequenzen in Sozialpolitik und in Funktionen der Sozialsysteme. Woher den Nachwuchs an Ingenieuren, an Wissenschaftlern, an Managern und Lehrern nehmen? Wer hält den Öffentlichen Dienst aufrecht, wer zahlt in die Rentenkassen ein, wem kann noch ausgezahlt werden? Wie kann das Gesundheitswesen vor dem Kollabieren bewahrt werden? Wer pflegt die Heerscharen der hilfsbedürftigen Alten?
Und selbst wenn alle praktischen Fragen beantwortet werden könnten, selbst wenn die politische Klasse von der Maxime Abschied nähme, dass Macht sich (auch) auf Bevölkerungsreichtum begründet, dass sie Standort und Bedeutung Deutschlands in Europa neu justierte und definierte – wie wird die Gesellschaft insgesamt auf all die künftigen Verwerfungen reagieren? Wie werden die Generationen ihre programmierten Konflikte austragen? Wie die Kassenfähigen ihre mit den Transferabhängigen? Wie die ethnischen Gruppen der Einwanderer untereinander und mit den Alteingesessenen? Und wie werden sich all diese Konflikte verschärfen bei womöglich schwindendem Wohlstand? Einen Vorgeschmack darauf liefern gegenwärtig die angstbesetzten Auseinandersetzungen konservativer (und nicht nur solcher) Gruppen in Deutschland mit muslimischen Neubürgern. Wird eine dann veränderte deutsche Gesellschaft biegsam und intelligent genug sein, solche Zerreißproben zu bestehen?
Darüber wollen Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit zwei Gästen diskutieren, die, ein jeder für sich, dazu dezidierte Ansichten haben: Gunnar Heinsohn, der Bremer Universalgelehrten, der unter anderen aus bevölkerungsstatistischen Fakten Motive, Auslöser und Wirkungsmechanismen weltpolitischer Bewegungen herleitet, daher demographische Prognostik auch als ein Frühwarnsystem begreifen kann, und Michael Naumann, der als Verleger und Journalist, heute als Chefredakteur der politisch-literarischen Monatsschrift „Cicero“ den Puls der Zeit pochen hört und als handelnder Kulturpolitiker in der Regierung Schröder die Systematik der Macht studieren konnte.
DIE GÄSTE
Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn zählt zu den höchst anregenden, die engeren Fachdisziplinen immer wieder zu wissenschaftlichem Nutzen überschreitenden Gelehrten. Er wurde 1943 in Gynia/Polen geboren und studierte Soziologie, Wirtschaftslehre, Geschichte, Psychologie und Theologie an der Freien Universität Berlin. Er promovierte 1973 in Sozialwissenschaft und 1982 über ein wirtschaftstheoretisches Thema. Seine Publikationsliste umfasst mehr als vierhundert Eintragungen; von der Theorie des Familienrechts über „Privateigentum, Patriarchat, Geldwirtschaft – Eine sozialtheoretische Rekonstruktion zur Antike“, über den Ursprung von Monotheismus und Judenhass („Was ist Antisemitismus?“) bis zu seinem „Lexikon der Völkermorde“ (1998), der aufsehenerregenden Studie „Söhne und Weltmacht. Terror in Aufstieg und Fall der Nationen“ (2003) und seiner „Eigentumsökonomik“ (2006). Seit 1984 ist der Professor an der Universität Bremen, seit 2009 als Emeritus. Schwerpunkte seiner Forschung bilden Geschichte und Theorie der Zivilisation. Seit 1993 leitet er dort auch das Institut für Xenophobie- und Genozid-Forschung. Weit über zehn Jahre schon ist er Mitherausgeber der chronologiekritischen Zeitschrift „Zeitensprünge“; er veröffentlichte mehrere Bücher, die der ernsthaften Straffung der Chronologie gewidmet sind, aber auch der grundlegenden Revision schulwissenschaftlicher, geschichtlicher wie ökonomischer Vorstellungen.
Dr. Michael Naumann, 1941 im anhaltinischen Köthen geboren, ist heute Chefredakteur des politisch-literarischen Monatsmagazins „Cicero“. Seine ungewöhnliche Laufbahn weist ihn als Publizisten eines hierzulande seltenen Typs aus – sie changiert zwischen Journalismus, Verlegerei und Politik, stets mit dem Antrieb und dem Ziel, seinem Publikum Lust auf „Die schönste Form der Freiheit“, so der Titel eines Essays, zu machen. Nach dem Studium von Politik, Philosophie und Geschichte in Marburg, München und Oxford, nach seiner Promotion und, später, Habilitation begann er seine journalistische Karriere, die ihn schnell in leitende Positionen bei „Spiegel“ und „Zeit“ führte; dort, gemeinsam mit Josef Joffe, 2001 in die Chefredaktion und zugleich Herausgeberschaft der Wochenzeitung. 1985 hatte er die Verlagsleitung der Rowohlt-Verlage übernommen und war dabei mit fünf Nobelpreisträgern in seinem Programm und einer Verdoppelung des Umsatzes so erfolgreich gewesen, dass der Holtzbrinck-Konzern ihm zehn Jahre darauf die Gründung des Verlags Metropolitan Books sowie die Leitung des renommierten Henry-Holt-Verlags in New York anvertraute. 1998 berief ihn Bundeskanzler Gerhard Schröder als Staatsminister für Kultur und Medien in sein Kabinett, dem er zwei Jahre lang mit großer Resonanz diente. 2008 scheiterten er und die SPD mit seiner Kandidatur zum Hamburger Bürgermeister. Er ist Autor zahlreicher Bücher zu Fragen der internationalen Politik, der Kulturpolitik und der Kultur, drei Jahre lang gab er mit Tilman Spengler die Zeitschrift „Kursbuch“, knapp zwei Jahre, gemeinsam mit Klaus Harpprecht, die Reihe „Die andere Bibliothek“ heraus. 2006 erhielt Naumann auf der Frankfurter Buchmesse den Preis der Kritik. Er lebt in Hamburg und Berlin.