Das Philosophische Quartett
Formlos, haltlos, respektlos – Wie das öffentliche Leben verkommt
ZDF, Sonntag, 26. September 2010, 00:30 Uhr
Gäste:
Thea Dorn, Schriftstellerin
Matthias Matussek, Autor
DAS THEMA
Als neulich die Kanzlerin das Ansehen ihrer Ministerin beschädigte, in dem sie Frau von der Leyen im Glauben ließ, sie sei die Kandidatin für das Bundespräsidentenamt, obwohl sie sich schon für Christian Wulff entschieden hatte, wurde die in der Politik grassierende Stillosigkeit und Verrottung einmal mehr enttarnt. Instabilität, Intrigenanfälligkeit und der Verlust der sogenannten zwischenmenschlichen Beziehungen scheinen, wenn man den Außenminister Guido Westerwelle und seinen bayerischen Gegenspieler Horst Seehofer hinzunimmt, in der öffentlichen Darstellung das hervorstechende Merkmal des politischen Handelns geworden zu sein. Unter den Politikern entdeckt man keine Vorbilder mehr, nur noch Nachbilder der eigenen Misere.
Respektlosigkeit, Formlosigkeit, Haltlosigkeit heißen die Verheerungen, die unsere nur noch individuellen Launen nachjagenden Gesellschaft befallen haben. Das öffentliche Leben scheint in einer schweren Krise, scheint keiner Regel, keinem Prinzip mehr zu folgen, wo doch Regeln und Prinzipien das Herz der Demokratie sind.
Öffentliches Leben benötigt bekanntlich einen öffentlichen Raum. Das sind die Plätze, Bühnen, Arenen, Versammlungsorte. Das sind aber auch die medialen Räume der Information, Kommunikation und Unterhaltung. Man kann nicht behaupten, dass es an solchen Räumen mangelt. Aber es lässt sich bezweifeln, ob dort die Chancen des öffentlichen Lebens wirklich genutzt werden. Das beginnt bei der Architektur und der vorherrschenden Bauherrenmentalität. Statt Orte vielfältiger Geselligkeit entstehen oder gewähren zu lassen, gibt es eine mächtige Tendenz zur bloß kommerziellen, profitablen Monokultur. Oder öffentliche Orte veröden und verwahrlosen. Dazu passt , dass das Verhalten in der Öffentlichkeit verroht, bis hin zur Gemeingefährlichkeit. Die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel wird zur Mutprobe. Es gibt eine große Unsicherheit, wie man sich in der Öffentlichkeit bewegen soll. Die Skala reicht von der Bezugslosigkeit bis zur hemmungslos dargestellten Privatheit. Es fehlt der Respekt vor dem gemeinsam geteilten Lebensraum. Statt dass man sich dort von seiner besten Seite zeigt, lässt man sich gehen.
Die mediale Öffentlichkeit ist ein Spiegel dieser Vorgänge und beschleunigt sie noch. Auch dort sinkt das Anspruchsniveau, der schlechte Geschmack bekommt sein gutes Gewissen. Noch nie hat es so viel Öffentlichkeit gegeben, wohl gerade deshalb gibt es eine schwere Krise des öffentlichen Lebens. Der öffentliche Raum, der für die Erfahrung von Gesellschaft und richtig verstandener Individualität notwendig ist, scheint sich aufzulösen.
Darüber diskutieren Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit zwei Gästen, die sich mit dem Thema der Sendung kritisch auseinandergesetzt haben: der Schriftstellerin Thea Dorn und dem Autor Matthias Matussek.
DIE GÄSTE
Thea Dorn, die als Fernsehmoderatorin und Schriftstellerin populär geworden ist, studierte zunächst Gesang und später Philosophie und Theaterwissenschaften. Mit einer Arbeit über Selbsttäuschung legte sie in Berlin die Magisterprüfung ab. Ihren Künstlernamen wählte Christiane Scherer, wie Thea Dorn eigentlich heißt, in Anspielung auf den Philosophen Theodor W. Adorno. An der Freien Universität Berlin dozierte Thea Dorn über Fragen der modernen Ethik und Ästhetik. Die Romane und Theaterstücke, die sie nach einer Reihe von Krimis schrieb, sind im Wesentlichen kritisch analysierende Milieu-Schilderungen. So beschrieb sie in ihrem letzten 2008 erschienenen Roman „Mädchenmörder: Ein Liebesroman“ die ungewöhnliche Beziehung des Opfers zum kaltblütigen Täter. Ihr erstes Sachbuch, das 2006 erschien und den Titel trägt „Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird“, versteht sie als einen Beitrag zu einer „neuen, ideologiefreien Geschlechter- und Feminismusdebatte“. Gewissermaßen als Beitrag zum Thema des Philosophischen Quartetts hat Thea Dorn den Groß-Essay „Ach, Harmonistan – Deutsche Zustände“ als Buch herausgebracht.
Seit 2003 moderiert die Schriftstellerin im Fernsehen Literatursendungen, beispielsweise „Literatur im Foyer“ im SWR und neuerdings im Wechsel mit der französischen Journalistin Isabelle Giordano die Talkshow „Paris-Berlin“ in Arte. Thea Dorn bezeichnet sich gelegentlich als aufgeklärte Humanistin, die auch in den christlichen Religionen, „eine Sehnsucht nach Fundamentalismus“ erkennt. Thea Dorn wurde unter anderem mit dem Raymond-Chandler-Preis ausgezeichnet.
Matthias Matussek, 1954 in Münster/Westf. geboren, ist einer der auffälligsten Kulturjournalisten in Deutschland. Nach einem Studium der Amerikanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der FU Berlin und ersten journalistischen Tätigkeiten beim Berliner „Abend“, dem Szenemagazin „Tip“ ging er zum „Stern“ und danach zum „Spiegel“, wo er unter anderem als Kultur-Ressortleiter tätig war. Vom Fall der Berliner Mauer bis zum Tag der Deutschen Einheit berichtete er als Sonderkorrespondent des „Spiegel“ aus Ost-Berlin; für seine überaus packenden Reportagen wurde er 1991 mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Vor seiner Rückkehr in die „Spiegel“-Zentrale im Herbst 2006 war er Korrespondent des Nachrichten-Magazins in London, hatte zuvor die Büros in New York und Rio de Janeiro geleitet und aus den Vereinigten Staaten wie aus Brasilien eine Fülle großer Interviews und Geschichten über seine Begegnungen mit ungewöhnlichen, bedeutenden Zeitgenossen geschrieben. In dieser Zeit hielt Matussek auch Gastvorträge an amerikanischen Universitäten und schrieb Kolumnen für US-Zeitungen. Matussek ist heute Autor beim „Spiegel“.
Auch als Buchautor ist der Journalist prominent hervorgetreten. Vor allem hier und in zahlreichen Auftritten im deutschen Fernsehen hat er seine Lust an und sein Talent zu gesellschaftlicher Provokation entfaltet. In seinem Reportage-Band „Palasthotel Zimmer 6101. Reporter im rasenden Deutschland“ (1992) gibt er ungewöhnliche Einblicke in das turbulente Leben in Ost-Berlin der Wendezeit. 1998 brachte er mit seiner Polemik „Die vaterlosen Gesellschaft. Überfällige Anmerkungen zum Geschlechterkampf“ die deutschen Feministinnen gegen sich auf. Aber auch sein 2006 publizierter Band „Wir Deutschen. Warum die anderen uns gern haben können“, in dem er so vehement wie erfolgreich zu einem neuen selbstbewussten Patriotismus aufruft, führte sofort zu einer von allen Seiten polemisch und wütig geführten öffentlichen Auseinandersetzung.
Dass Matussk aber nicht nur die Kunst der intelligenten Provokation beherrscht, sondern auch ein präziser Beobachter und sensibler, einfühlender und sprachmächtiger Schilderer von Menschen und Landschaften ist, hat er in Reisereportagen wie „Im magischen Dickicht des Regenwaldes“ (2005) gezeigt.
Zuletzt hat sich der vermeintlich konservative Matussek in den Bundestagswahlkampf eingemischt und sich zur gemäßigten Linken bekannt. Eine der vielen Konversionen Matusseks.