Das Philosophische Quartett
Die Künste: Überflüssiger Luxus?
ZDF, Sonntag, 6. Juni 2010, 23:45 Uhr
Gäste:
Juli Zeh, Schriftstellerin
Wolfgang Rihm, Komponist
DAS THEMA
Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst: So frohgemut lässt sich Friedrich Schiller im Prolog zu seinem „Wallenstein“ vernehmen. Ernst ist das Leben – da stimmt der krisengeschüttelte Zeitgenosse von heute dem alten Dichter notgedrungen zu. Aber die Kunst: heiter? Theater müssen schließen oder sehen ihre öffentlichen Zuwendungen drastisch gekürzt, Opernhäuser, schönste Tempel bildungsbürgerlichen Kunstbehagens werden geschlossen oder müssen fusionieren, Spielpläne werden gekürzt.
Andererseits wird ein Gemälde des Moderne-Klassikers Picasso für fast siebzig Millionen Euro auktioniert – aber auch eine solche Markt-Sensation gibt kaum Anlass zur Freude und wird eher als weiteres Krisenzeichen, als Merkmal einer Überhitzung gewertet. Das Interesse der großen Sammler von heutiger Kunst gilt einem Zirkel von zwei Dutzend internationaler Künstler-Größen, um deren Werke oft noch vor deren Entstehen ein heißer Wettbewerb entbrennt – Kunst als Prestige-Objekt, als Millionärs-Trophäe.
Aber wandern nicht Hunderttausende in der „Langen Nacht der Museen“ in Berlin durch die Kunsttempel? Und durchstreifen nicht noch einmal so viele die Ausstellungsplätze moderner Kunst während des hauptstädtischen Galerie-Weekends? Wirtschaftskonzerne treten als Veranstalter nicht selten bedeutender Festivals auf oder finanzieren als Sponsoren spektakuläre Ausstellungen. Unternehmer fördern Künstler durch Ankäufe und Auftragsarbeiten, malerischer, skulpturaler, auch musikalischer Art. Auch wenn unendlich viele Künstler am Existenzminimum leben, so steht die Kunst, könnte man meinen, doch im hohen Ansehen der Öffentlichkeit.
Aber nützt sie der Sinnerweiterung des Lebens, tieferen Einsichten in die Bedingungen des Menschlichen, dem Wachsen des Bedürfnisses nach Humanität? Oder sie doch nur mehr oder weniger schöne Dekoration der Welt, Show, Fassade für private Ruhmeshallen? Brauchen wir die Künste? Was geben sie dem, der sie ausübt, was dem, der sie in sich wirken lässt? Sind sie Notwendigkeit und Nahrung des Geistes oder Genussmittel, Luxus und überflüssig? Oder gar – nichts von alledem: Ist die Kunst – einfachster und schwierigster Gedanke – frei?
Womöglich verhält es sich mit ihr wie mit der Religion oder der Liebe. Sie lässt sich zwar mit allen möglichen anderweitigen Zwecken verbinden, aber ihre eigentliche Bedeutung entfaltet sie nur dort, wo sie um ihrer selbst willen geschaffen und aufgenommen wird. Liebe, Religion und Kunst haben ihren Zweck in sich selbst. Sie bilden als solche eine sinngesättigte Zone. In einer ökonomisierten, durchfunktionalisierten und moralisierten Gesellschaft wie der unseren aber kann die Kunst ihre selbstzweckhafte Würde nur schwer behaupten. Staatliche Subventionen und Erziehungsansprüche, private Mäzene und wirtschaftliche Interessen verbinden mit der Kunst die Erwartung, dass sie anderweitigen Nutzen abwirft: Moral, Profit, Prestige. Damit muss die Kunst leben. Problematisch wird es, wenn solche externen Zweckbestimmungen dominant werden. Das kann zur Banalisierung und Verflachung führen. Und umgekehrt werden diejenigen, die auf die außerkünstlerischen Zwecke fixiert sind und diese nicht genügend realisiert finden, schnell mit dem Urteil bei der Hand sein: Wozu das ganze Theater? Kunst, so könnte man sagen, entspringt einem Überfluss an schöpferischer Vitalität – ist sie darum überflüssig?
Darüber diskutieren Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit zwei Gästen, die als Künstler in diesem Spannungsfeld leben und schöpferisch arbeiten: der Schriftstellerin Juli Zeh und dem Komponisten Wolfgang Rihm.
DIE GÄSTE
Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, zählt in die erstaunliche Reihe junger deutscher Schriftstellerinnen, die der „Spiegel“ einmal anerkennend als „Fräuleinwunder der deutschen Literatur“ erkannte. Nach dem Abitur begann Juli Zeh ein Jurastudium, das sie in Passau, Krakau, New York und Leipzig mit den Schwerpunkten Völkerrecht und Nation Building absolvierte. 1998 legte sie in Leipzig das Erste, 2003, nach einem Praktikum bei den UN in New York, das Zweite Juristische Staatsexamen ab. Ihre Dissertation gilt völkerrechtlichen Fragen des Kosovo. Noch während ihres Studiums belegte sie Vorlesungen am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, ihr Diplom erhielt sie im Jahr 2000. Ihr Debüt-Roman „Adler und Engel“ erschien 2001 und wurde bis heute in achtundzwanzig Sprachen übersetzt. Danach publizierte sie in regelmäßiger Folge Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke, zuletzt den Roman „Corpus delicti“ (2009) und (gemeinsam mit Ilja Trojanow) „Angriff auf die Freiheit: Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“. Nahezu alle ihre Werke sind durchzogen von Gedanken um den Antagonismus von Chaos und Ordnung, von flüchtigem Zusammenhalt und den Normen einer auf Individualisierung und Globalisierung beruhenden Gesellschaft, die keine Verantwortlichkeit für die Zukunft einer Weltgemeinschaft mehr erkennen lässt. Juli Zeh ist im Tierschutz engagiert. Ihr schriftstellerisches Werk ist bis heute vielfach ausgezeichnet worden – vom Caroline-Schlegel-Preis für Essayistik (2000) bis zum Carl-Amery-Literaturpreis und dem Soloturner Literaturpreis (beide 2009). Juli Zeh lebt heute in einem Dorf im brandenburgischen Havelland.
Wolfgang Rihm wurde 1952 in Karlsruhe geboren, wo er auch aufwuchs, über lange Zeit studierte und heute als Professor für Komposition an der Musikhochschule lehrt. Er gilt als der bedeutendste, vielseitigste und fruchtbarste deutsche Komponist der Moderne; aus Anlass der Verleihung der Ehrendoktorwürde feierte ihn die Freie Universität Berlin 1998 als einen Künstler, der „in seinem überaus umfangreichen kompositorischen Werk die Freiheit des Kreativen verkörpert und für eine Ästhetik der Freiheit der Kunst eintritt, der zahlreiche theoretisch fundierte Schriften verfasst hat, die außerordentliche musikwissenschaftliche Bedeutung besitzen“. Die Aufführung eines Orchesterstücks bei den Donaueschinger Musiktagen 1974 machte Rihm mit einem Schlag in der Szene bekannt. Fortan überraschte er in einer zunächst am späten Beethoven, an Schönberg, Berg und Webern geschulten, später in radikaler Subjektivität und Klang-Chiffren von hoher Prägnanz und Virtuosität beeindruckenden musikalischen Sprache die Musikwelt mit einem rasch anwachsenden Werk unterschiedlichster Formen: Lieder, Kompositionen für Orchester, Stücke für Klavier und Orgel, Violin-, Viola- und Cello-Konzerte, Kammermusiken und immer wieder szenische Arbeiten, die ihn seit seinen frühen Kammeropern „Faust und Yorick“ und „Jakob Lenz“ (1978) über die „Hamletmaschine“ (nach Heiner Müller), „Die Eroberung von Mexiko“, „Seraphin“ (nach Antonin Artaud), „Das Gehege“ (nach Botho Strauß) bis zuletzt (2008) „Proserpina“ (nach Goethe) intensiv beschäftigen und sein Publikum begeistern. Für seinen musikalischen Stil des „Versuchs“ mit den Erweiterungen, Ergänzungen, Vernetzungen und Verflechtungen des einmal entwickelten Tonmaterials benutzt Rihm gern Metaphern aus der Bildenden Kunst („Übermalungen“) oder der Bildhauerei: „Ich habe die Vorstellung eines großen Musikblocks, der in mir ist. Jede Komposition ist zugleich ein Teil von ihm als auch eine in ihn gemeißelte Physiognomie.“ Umfassend wie sein musikalisches Werk sind seine Mitgliedschaften in den maßgebenden Musikgremien und Akademien, seine eigenen Bücher wie die wissenschaftlichen und biographischen Arbeiten über ihn und sein Werk, die Liste seiner Schüler und das Verzeichnis der Ehrungen, die ihn bis heute erreichten – darunter das Bundesverdienstkreuz, Förderpreise und Stipendien, Berufungen als Composer in residence und bedeutende Preise, so den Beethoven-Preis der Stadt Bonn (1981), den Rolf-Liebermann-Preis (1986), den Jacob-Burckhardt-Preis Basel (1998), den Hamburger Bach-Preis (1999), den Royal Philharmonic Society Award (2001), den Ernst-von-Siemens-Musikpreis (2003) und zuletzt den Leone d’Oro der Biennale in Venedig (2010). Rihm ist Officier dans l’Ordre des Arts et des Lettres, er lebt in Karlsruhe und Berlin.