Das Philosophische Quartett

Verlust der Mitte: In den Ruinen der Buergerlichkeit?

ZDF, Sonntag, 2. Mai 2010, 23:45 Uhr

Gäste:

Bernd Kauffmann, Kulturmanager
Moritz Rinke, Schriftsteller

DAS THEMA

Man glaubte, der Alleszertrümmerer Adolf Hitler habe sein Vorhaben, die bürgerliche Welt der Deutschen, deren Maßstäbe und Energien zu zerstören, erfolgreich in die Tat umgesetzt.

Man glaubte, die kommunistischen Diktatoren der DDR hätten das, was an bürgerlichem Leistungswillen und Lebensgefühl noch vorhanden war, in ihrem Machtbereich ein für allemal erledigt.

Und man glaubte, dass in der Bundesrepublik 1968 von den marxistischen Studenten und Intellektuellen die Reste der bürgerlichen Epoche mit Spott-Gesängen auf die „bürgerliche Liebe“, auf „bürgerliche Wissenschaft und bürgerliche Kunst“ zu Grabe getragen worden seien. Wie also ist das Aufflackern einer „neuen Bürgerlichkeit“ zu verstehen, die als Begriff seit geraumer Zeit durch die Medien geistert? Wächst das Bürgertum wieder nach oder leben wir in den Ruinen des Bürgerlichen?

Immerhin nennt sich auch die Regierung bürgerlich, ohne bislang den Nachweis für dieses Qualitätsmerkmal erbracht zu haben – im Gegenteil. Sie liegt eher im Konflikt mit dem Gesittet-Bürgerlichen, wenn man beispielsweise das eskapapistische Verhalten des Außenministers auf seinen Reisen betrachtet.

Es ist also Zeit, darüber nachzudenken, was bürgerliche Lebensform eigentlich bedeutet. Die Bürgerlichkeit hielt sich an ungeschriebene, aber verbindliche Regeln, an die guten Sitten und den Anstand. Zu den Maximen, die ein Kaufmann einst beachtete, zählte die Ehrlichkeit, die Zuverlässigkeit; die Solidarität war die Grundlage allen Handelns. Das war die Zeit, in der es noch keine Banker, sondern Bankiers gab. Denn gerade die sich bürgerlich gerierenden Banker haben mit ihrem Machthunger, ihrer Gier die Bürgerlichkeit um ihren sittlichen Kredit gebracht, so wie auch jene Politiker, die sich gegen Vorauskasse für Gesprächs- und Fototermine zur Verfügung stellten und die erzbürgerliche Auffassung, dass es zu den Verrichtungen eines ordentlichen Lebens gehöre, ein guter Staatsbürger zu sein, den Gnadenstoß gaben.

Die Diskussion über derlei Affären kennt keine verbindlichen Übereinkünfte und sittlichen Normen mehr, sondern sie fragt nur noch danach, was das Gesetz festlegt, was gerade noch erlaubt oder schon strafbar ist. Das Gesetz und das pfiffige Auffinden der Gesetzeslücke ist an die Stelle bürgerlichen Anstands getreten.
Die strengen Lebensregeln, das Ethos des Bürgers als sozialer Typus haben keine verbindliche Kraft mehr, von der Bürgerlichkeit als sozialer Lebensform scheint nur noch „die Form im äußerlichen Sinne“, Fortbestand zu haben, wie der Großbürger Joachim Fest feststellte. Alles: Konventionen, leere Gesten, mechanische Reflexe.
So gesehen ist das, was da und dort als „neue Bürgerlichkeit“ und Renaissance des bürgerlichen Wertekanons gefeiert wird, nichts anderes als ein Theater der Wohlerzogenheit: Formen werden wieder gewahrt, Goethe wird wieder gelesen, die Familie wird, trotz steigender Scheidungsrate und laxer Sexualmoral, wieder heilig gesprochen, die Opernhäuser, Stätten bürgerlicher Konvention, befreien sich vom revolutionären Regietheater und der Erwerb einer klassizistischen Villa in den Vororten unserer Städte gehört wieder zum Lebensziel. „Da ist inzwischen viel unfreiwillige Komik im Spiel“, schreibt „Die Zeit“.

Die Gastgeber des Philosophischen Quartetts, Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski gehen der Frage nach:
Taugt die Bürgerlichkeit noch als Lebensschablone für das 21. Jahrhundert oder entfalten sich neue, zeitgemäßere Lebensformen?
Gibt es den Neuen Bürger überhaupt? Oder ist es nur der alte Spießer im modischen Anzug?
Ist der Verlust der bürgerlichen Gemeinwohlorientierung das, was unser politisches System immer wieder erschüttert?

 

DIE GÄSTE


Moritz Rinke, 1967 in Worpswede geboren, gilt als einer der besten Theaterautoren seiner Generation. Nach Abitur und Zivildienst ging Rinke nach Gießen, wo er Angewandte Theaterwissenschaften studierte. Schon damals begann er für die großen deutschen Tageszeitungen „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und „Die Zeit“ sowie für die Zeitschrift „Theater heute“ zu schreiben.

Der Studienzeit folgte 1994 ein zweijähriges Volontariat beim „Berliner Tagesspiegel“, wo Rinke anschließend als Kultur-Redakteur tätig war. Seine Reportagen, Geschichten und Essays wurden mehrfach ausgezeichnet. Gleich zwei Mal erhielt Rinke für Reportagen, unter anderem über die Love Parade im Jahre 1997, den Axel Springer-Preis.
Mit 32 Jahren beginnt Rinke verstärkt sich dem Schreiben von Theaterstücken zu widmen. Zwei Jahre später bereits wird sein Bühnenstück „Republik Vineta“ zum besten deutschsprachigen Theaterstück gekürt und 2008 verfilmt.Weitere erfolgreiche Theaterstücke folgen. 2003 wird Rinkes erster Film „September" (Regie: Max Färberböck), in dem der Autor als Schauspieler debütiert, bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes gezeigt. Im Sommer 2009 folgt Rinke dem Ruf an das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, wo er ein Semester die Gastprofessur für Szenisches Schreiben übernimmt.

Mit seinem Debütroman „Der Mann der durch das Jahrhundert fiel“ hat sich Rinke 2010 in ein neues Metier vorgewagt. Vier Jahre Arbeit stecken in dem nahezu 500 Seiten starken Roman, der  autobiographische Züge aufweist. Er spielt in Rinkes Geburtsort, der Künstlerkolonie Worpswede, und setzt sich ironisch mit der NS-Vergangenheit des Ortes und deren Aufarbeitung auseinander.

Heute lebt Moritz Rinke in Berlin. Er ist Mitglied der Fußballmannschaft der deutschen Autoren  „Autonama“ und spielt dort als erfolgreicher Stürmer.


Bernd Kauffmann, 1944 in Ahaus, Nordrhein-Westfalen geboren, gilt als einer der provokativsten, und innovativsten Kulturmanager Deutschlands.
Nach Schuljahren am Aloisiuskolleg in Bonn/Bad Godesberg sowie später am Canisiuskolleg in Berlin folgte ein Studium der Rechtswissenschaften und Publizistik in Berlin und Hamburg. Noch während der Referendarszeit war Kauffmann nebenberuflich am Hamburger Thalia Theater als Regie- und Dramaturgieassistent tätig, bevor er 1975 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Niedersächsischen Landtag nach Hannover ging. Ein Jahr später übernahm er die Leitung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Niedersächsischen Kultusministerium. Von 1978 bis 1984 leitete Kauffmann das Ministerbüro, bevor er anschließend als  Abteilungsleiter zum Niedersächsischen Kultusministerium zurückkehrte. 1989 übernahm er die Leitung der  Stiftung Niedersachsen, die er zwei Jahre zuvor mit aufgebaut hatte. In dieser Funktion war er für die Einrichtung des Festivals „Theaterformen“ zuständig. Bis 1991 fungierte er zusätzlich als Festival-Intendant.

Die Stiftung Weimarer Klassik ernannte Kauffmann 1992 zum Präsidenten. Nach einer vierjährigen Tätigkeit von 1996 bis 2000 als Generalbevollmächtigter der „Weimar 1999 – Kulturhauptstadt Europas GmbH“ kehrte er schließlich für ein weiteres Jahr auf den Posten des Stiftungspräsidenten zurück. Über den gleichen Zeitraum war Kauffmann zudem als Intendant des Weimarer Kunstfestes tätig und saß im Vorsitz des „Kulturrates“ der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover.

Seit 2001 ist Bernd Kauffmann Generalbevollmächtigter der Stiftung Schloss Neuhardenberg. An dieser ländlich abgelegenen Stelle entfacht Kauffmann seither in einer außerordentlichen Fülle kultureller Veranstaltungen unterschiedlicher Art mit großen Geistern aus aller Welt das Interesse eines mittlerweile längst hauptstädtischen Publikums. Bernd Kauffmann ist außerdem zusammen mit Dr. Maria Schneider künstlerischer Leiter der „Movimentos“-Festspiele der Autostadt in Wolfsburg.

Kauffmann erhielt 1993 die Hans Prinzhorn-Medaille und ist Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse.

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