Das Philosophische Quartett

Vernetzte Welt: Revolution der Anteilnahme?

ZDF, Sonntag, 28. März 2010, 23:55 Uhr

Gäste:

Joschka Fischer, Bundesaußenminister a.D.
Hans Ulrich Gumbrecht, Literaturwissenschaftler, Stanford University

DAS THEMA

Unvergessen sind sie, wie eingebrannt in das kollektive Gedächtnis der Völker. Schreckliche Naturkatastrophen forderten die in den vergangenen Jahren hunderttausende Tote, verwüsteten ganze Landstriche und brachten unermessliches Leid über die Menschen, die mit dem Leben davongekommen waren. Jüngstes Beispiel: Das gewaltige Erdbeben, das jüngst Haiti heimsuchte oder etwa der große Tsunami vom zweiten Weihnachtstag 2004, der die Küsten rund um den Indischen Ozean traf.

Diese Katastrophen haben aber auch gezeigt, wie das todbringende Wüten der Natur sofort eine wahre Woge der Mitmenschlichkeit auslöste und in bis dahin unbekanntem Maß nicht nur Staaten und Staatengemeinschaften, sondern Bürger in fast allen Teilen der Welt massenhaft zu Hilfe eilten um den Betroffenen nicht nur Trost, sondern Geld zur Linderung der Not zu spenden. Viele hundert Millionen Euro und Dollar, vom Kleinstbetrag der Rentnerin bis zur Großspende betuchter Unternehmer und Künstler kamen in kurzer Zeit zusammen – eine fast unglaubliche Explosion der spontanen Anteilnahme. Wie ist dieser nie zuvor erlebte und geradezu revolutionäre Ausbruch von Anteilnahme möglich?

Ist unsere Welt nun endgültig zum „globalen Dorf“ geworden? Darüber diskutieren im „Philosophischen Quartett“ des ZDF mit Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski zwei Gäste, die global denken und weltweit vernetzt sind: Joschka Fischer, der ehemalige deutsche Außenminister und heutige Unternehmensberater, und der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler und politische Beobachter aus der Stanford University, Prof. Hans Ulrich Gumbrecht.

Natürlich: Wir kommunizieren im Netz rund um den Globus, wir werden in Echtzeit informiert; Internet und digitale Medien lassen Zeitgrenzen fallen, Distanzen schrumpfen. Entfernungen sind inzwischen entfernt worden. Was ihnen näher kommt, geht den Menschen nahe. Wegsehen, das geht heutzutage nicht mehr. Die Suggestion einer großen Bühne, auf der wir alle agieren und zugleich alle ins Geschehen verwickelt sind, ist übermächtig. So kann eine neue Kultur der Empathie entstehen, eine Art Tele-Nachbarschaft, die sich im Guten wie im Bösen zeigt. Heute stellen nicht nur die Dänen zu ihrer höchst unliebsamen Überraschung fest, dass sie im Karikaturenstreit gemeinsame Grenzen mit islamischen Ländern haben, die keine Landkarte verzeichnet.

Und wenn bei Flutwellen und Erdbeben das ferne Unglück Millionen und Abermillionen nicht betroffener Menschen ohne zu Zögern zu tätiger Hilfe bewegt: Ist dann die Zeit des großen Verstehens, der allgemeinen Empathie angebrochen? Werden dann alle Menschen Brüder, setzt es Impulse in die Politik – oder bleibt es bei bloßer Bewirtschaftung der Emotionen? Fördert die Vernetzung so etwas wie „Weltinnenpolitik“? Es muss sich wohl noch zeigen, ob wir tatsächlich auf dem Weg von der Wahrnehmungsgesellschaft zur Verantwortungsgemeinschaft sind. Oder werden wir uns bald mit neuen Techniken vom Leibe halten, was uns eigentlich angehen sollte?

 

DIE GÄSTE


Joschka Fischer, 1948 in Gerabronn/Baden-Württemberg als Sohn ungarn-deutscher Eltern geboren, hat eine der erstaunlichsten politischen Karrieren in Deutschland gemacht. Vom Frankfurter Sponti-Straßenkämpfer zum Chef des Berliner Außenamts, vom hessischen „Turnschuh-Minister“ zum europäisch-atlantischen Vordenker und schließlich Berater bedeutender Unternehmen. Die ungewöhnliche biografische Spanne hat Fischer, der einst das Cannstatter Gymnasium vorzeitig ohne Abitur verließ und sich lange mit Gelegenheitsarbeiten durchschlug, mit hellwachem Intellekt, rastloser Lektüre der philosophischen und politischen Klassiker, immensem Fleiß und einem unwiderstehlichen Bedürfnis nach Teilhabe am politischen Prozess bewältigt. Der noch umstrittene Jungstar der „Grünen“, der seine Partei auf marktwirtschaftlichen und realpolitischen Kurs brachte, bestand seine ersten politischen Herausforderungen als hessischer Landesminister für Umwelt und Energie (1985 bis 1987). Als Bundesaußenminister und Vizekanzler in zwei Regierungen Schröder (1998 bis 2005), in der er die deutsche Beteiligung am völkerrechtlich umstrittenen Kosovo-Krieg bejahte, konnte er sich internationaler Anerkennung und in Deutschland den Ruf des beliebtesten Politikers erwerben. Nach dem Ende seiner aktiven Politiker-Laufbahn hat Fischer ein Jahr an der amerikanischen Princeton University über Internationale Krisendiplomatie gelesen. Heute führt er in Berlin eine Consulting-Firma, berät unter anderen den Energiekonzern RWE beim Bau einer Gas-Pipeline und den deutschen Autobauer BMW bei der Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien und ist Beiratsvorsitzender des European Council on Foreign Relations, einem hochrangig besetzten, privat finanzierten Netzwerk für einen gemeinsamen strategischen und außenpolitischen Diskurs in Europa.

Fischer wurde vielfach ausgezeichnet, so mit den Ehrendoktorwürden der Universitäten Haifa (2002) und Tel Aviv (2006), dem Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Preis (2004) sowie dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland (2005).

Auch publizistisch hat Fischer rege Wirksamkeit entfaltet. Neben zahlreichen dezidiert politischen Schriften hat er auch Autobiografisches vorgelegt, so 2003 den Bestseller „Mein langer Lauf zu mir selbst“ und 2007 den ersten Band seiner Erinnerungen „Die Rot-Grünen Jahre“.

Hans Ulrich Gumbrecht, 1948 in Würzburg geboren, ist, so konstatiert die Wochenzeitung „Die Zeit“, einer „der wenigen deutschen Geisteswissenschaftler, die weltweit Gehör finden“. Scharfer Intellekt und Lust an Provokation und Polarisierung trieben den jungen Gelehrten nach seinem Studium der Romanistik, Germanistik, Philosophie und Soziologie in Deutschland, Spanien und Italien mächtig an: Nach der Promotion (1971) in Konstanz und seiner Habilitation (1974) wurde er mit nur sechsundzwanzig Jahren Ordentlicher Professor an der Ruhr-Universität Bochum. 1983 wechselte  er an die Universität Siegen, wo er das erste geisteswissenschaftliche Graduierten-Kolleg („Kommunikationsformen als Lebensformen“) in Deutschland gründete. Vielfach wurden ihm in diesen Jahren attraktive Lehrstühle offeriert, aus Frankfurt am Main und St. Gallen, von Berkeley und Yale und aus Montreal erreichten ihn Rufe. Weltweit, an europäischen wie überseeischen Universitäten, hielt er Gastvorlesungen, war Fellow am Stanford Humanities Center, Walker-Ames-Professor an der University of Washington und vieles mehr. 1989 schließlich nahm er den Ruf auf den Lehrstuhl für Komparatistik an der Stanford University in Kalifornien an. Im Jahr 2000 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Seit einiger Zeit ist er der privaten, staatlich anerkannten Stiftungsuniversität Zeppelin University in Friedrichshafen als Dozent und Ratgeber freundschaftlich verbunden. In diesem Jahr ist er Fellow der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung in München. Zudem ist er, besondere Ehre, „Professeur attaché au Collège de France“.

Reich an Zahl wurden ihm Ehrendoktorwürden  verliehen: von der Philipps-Universität Marburg (2009) und den Universitäten in Greifswald (2008), Montevideo, Montreal, Sankt Petersburg, Lissabon und Siegen.

Die Menge der akademischen Aktivitäten Gumbrechts in Amerika und der übrigen wissenschaftlichen Welt in Universitäten, Stiftungen und hochmögenden Gremien ist so immens wie die Liste seiner in vielen Übersetzungen erschienenen wissenschaftlichen Publikationen. Populär wurde nicht nur in Deutschland sein Buch „Lob des Sports“ (2005). Darüber hinaus veröffentlicht Gumbrecht in der „Frankfurter Allgemeinen“ und der „Neuen Zürcher Zeitung“. Als Autor tritt er regelmäßig auch in der Zeitschrift „Merkur" an die Öffentlichkeit.

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