Das Philosophische Quartett

Papst Benedikt: Kreuzzug gegen die Moderne?

ZDF, Sonntag, 29. November 2009, 23:45 Uhr

Gäste:

Dr. Daniel Deckers
Alan Posener

 

DAS THEMA

Was seine Anhänger als „benedettinische Wende“ bejubeln, nennen seine Gegner einen „Kreuzzug gegen die moderne Gesellschaft“. Sie bezichtigen Papst Benedikt eines intellektuellen Affekts gegen die „Neuzeit“ und die „Aufklärung“, sie unterstellen ihm die Verneinung von allem, was den Westen „bei aller Unzulänglichkeit zu einer liebens- und lebenswerten Gesellschaft macht.“ Für den Papst ist es eher eine seelenlose Gesellschaft, diese westliche Moderne mit ihrem wissenschaftlichen Denken, der Emanzipation der Frau, der sexuellen Selbstbestimmung, den Achtundsechzigern und den Befreiungstheologen, die für ihn nichts anderes sind, als marxistische Missionare im Priestergewand. Schon als Kardinal hat er sie mit einem Bannfluch belegt: “ Ich habe das grausame Antlitz dieser atheistischen Frömmigkeit unverhüllt gesehen“.

Mit der Aufklärung, dieser vernunftorientierten Ethik mit dem eingepflanzten Widerstand gegen Bevormundung und den Glauben an Autoritäten konnte sich der Papst nie anfreunden. Schon in den Augen des Studenten Ratzinger zerstört sie den Geist des Abendlandes und die glückliche Symbiose von griechischer Vernunft und Theologie, von biblischem Monotheismus mit dem Denken der Antike, den  der Professoren-Papst zeitlebens gepredigt hat.

Benedikt erkennt, und das wird gelegentlich übersehen, die Vorzeichen des heutigen Sittenverfalls und des „inneren Absterbens“ der Gesellschaft bereits in der Renaissance und der Reformation, damals als das Jahrtausend zu Ende ging, in dem die Kirche bestimmte, was gedacht und gelebt werden sollte.

Es hat etwas von diesem Geist des Zukreuze-Kriechens, wenn er heute die „Überordnung der Ethik über die Politik als Grundlage Europas im dritten Jahrtausend“ fordert. Der Mann in der weißen Soutane sieht schwarz, wenn er an Europa denkt, wo die Aufklärung ihren Ursprung hat und die Säkularisierung und der Liberalismus am weitesten gediehen sind. Dieses nur dem Namen nach christliche Europa sei seit vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden; bevölkert von Relativisten, Selbsterlösern, Menschenzüchtern und Abtreibungsaktivisten.

Wie soll dieses in den Augen des Papstes so verlotterte Europa wieder seinem Willen folgend zu einem christlich-gesitteten Kontinent werden? Mit der reaktionären Pius-Brüderschaft womöglich, die den Papst beim Bau des Bollwerks gegen die kalte Moderne zur Hand geht, die jeden Versuch, den Katholizismus mit der aufgeklärten Gesellschaft kompatibel zu machen, als Todsünde erachtet?

Nein, dem Papst gehe es nicht um die geistige Rückeroberung des einst christlichen Europas, sondern um eine Verankerung in den Begriffen der Freiheit, der Wahrheit und des Guten, sagen die Verteidiger der vatikanischen Unbedingtheitsansprüchen. Sie können immerhin ins Feld führen, dass sich der Papst Benedikt in einer Grundsatzrede in Prag zur Trennung von Staat und Kirche bekannt und sich damit  moderner gezeigt hat als sein Vorgänger, der ein enges Miteinander beider Bereiche befürwortete.

Ist es also nur „sprungbereite Feindseligkeit“ mit der Antipapisten auf den Heiligen Vater einschlagen, wie er selbst vermutet, wenn sie den reaktionären Kurs des Vatikans anprangern? Und: was bezweckt der Papst, wenn er dem katholischen Antimodernismus wieder die Tore öffnet?

Darüber reflektieren Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit ihren Gästen Daniel Deckers und Alan Posener.


DIE GÄSTE


Daniel Deckers, Doktor der katholischen Theologie und Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, beobachtet und beschreibt im Auftrag seines Blattes Handlungen und Wandlungen der globalen katholischen Kirche. Kirchliche Zeitgeschichte und zeitgenössische Theologie erörtert er mit den Kardinälen Lehmann und Kaspar, über deren Leben und Wirken er Bücher verfasst hat und in seinen Blog „Über Kreuz“, fließen Erkenntnisse ein, die Deckers als ständiger Gast der Deutschen Bischofskonferenz einsammelt.
Der 1960 in Düsseldorf geborene und in Köln aufgewachsene Deckers machte Abitur in einer Klosterschule, studierte danach Theologie in Fribourg in der Schweiz, in Bonn, Köln und Bogotá. In der Jesuitenschule St. Georgen in Frankfurt promovierte er über die Gerechtigkeitslehre eines spanischen Dominikaner-Theologen. Das Thema beschäftigt ihn seither. In zahlreichen Artikeln dachte er über „Beteiligungsgerechtigkeit“ und Verantwortung des Einzelnen in der Gesellschaft nach.
Doch darüber findet der sechsfache Vater immer noch genügend Zeit die „Lage des deutschen Weins“ zu analysieren und dazu die passenden Weine vorzustellen. Die katholische Kirche und die Genüsse des Lebens haben sich immer schon gut verstanden.

Alan Posener ist Korrespondent für Politik und Gesellschaft bei „Welt“ und „Welt am Sonntag“, Autor von Biografien über William Shakespeare, Franklin Roosevelt, John Lennon, Elvis Presley und über die Gottes-Mutter Maria. In seinem neuesten Buch mit dem Titel „Benedikts Kreuzzug“ unterstellt der einstige Atheist dem amtierenden Papst „kompromisslos und mit großer Radikalität ein intellektuelles Rollback der Moderne“ zu betreiben und die Werte der Aufklärung und des gesellschaftlichen Pluralismus zu bekämpfen.
Unangepasstheit in Argumentation und Leben sind charakteristische Eigenschaften des aus einer deutsch-jüdischen Familie stammenden Schriftstellers Posener, der 1949 in London geboren wurde, in Kuala Lumpur und im schottischen Ipswich aufwuchs.
Nachdem er mit dem einst vor den Nazis geflüchteten Vater nach Berlin zurück gekehrt war, studierte er Germanistik und Anglistik, war Kader im Kommunistischen Studentenverband und der maoistischen KPD. Zu seinem eigenen Erstaunen wurde er dennoch Studienrat unter anderem am Kant-Gymnasium in Berlin. Den ihm langweilenden Schuldienst verließ er jedoch wieder, schrieb erfolgreiche Bücher, von denen er, wieder zu seiner Verblüffung, nicht leben konnte und nahm deshalb ein Angebot des konservativen Springer-Verlags an, der bekehrten linksextremen Intellektuellen gerne eine Heimat bietet. Doch auch hier machte sich Posener , dessen Büro Maria-Abbildungen zieren, auf seine eigne Weise bemerkbar: Im Mai 2007 griff Posener in seinen Web-Blogg auf Welt online den „scheinheiligen“ Bild-Chefredakteur Kai Diekmann an, dessen Bild-Zeitung die „niedrigsten Instinkte bediene“.

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