Das Philosophische Quartett
Tugend – reine Übungssache!
ZDF, Sonntag, 13. September 2009, 00:30 Uhr
Gäste:
Thea Dorn, Publizistin
Klaus Mertes, Jesuiten-Pater
DAS THEMA
Ausgehend von den eklatanten sittlichen Verfehlungen berühmter Wirtschaftsführer und den damit verbundenen, an uns gerichteten Politiker-Appellen, zur Kardinaltugend der Mäßigkeit und zur Besinnung auf „die Werte“, wie Anstand und Gerechtigkeit zurückzukehren, soll die Frage erörtert werden, ob diese Ruck-Reden nicht zwangsläufig ins Leere gehen, weil offensichtlich in Vergessenheit geraten ist, dass Tugenden nicht nur auf Einsicht beruhen, sondern eingeübt werden müssen, damit sie in gewohnheitsmäßiges Verhalten übergehen können.
Die bisherige Werte-Debatte, wie sie auch von den heimlichen Tugend-Erziehern in den Medien geführt wird, scheint auch deshalb so nutz- und sinnlos zu sein, weil die Tugend nicht mehr als verkörperter Wert begriffen wird und weil es an der für die Wertevermittlung nötigen , prägenden Kraft der Vorbilder fehlt.
Zum Gespräch über die Bedeutung der Willenstugenden für die Gesellschaft und die der Sekundärtugenden für das Kulturleben haben Sloterdijk und Safranski die Publizistin Thea Dorn und den Jesuiten-Pater Klaus Mertes eingeladen.
DIE GÄSTE
Thea Dorn, die als Fernsehmoderatorin und Schriftstellerin populär geworden ist, studierte zunächst Gesang und später Philosophie und Theaterwissenschaften. Mit einer Arbeit über Selbsttäuschung legte sie in Berlin die Magisterprüfung ab. Ihren Künstlernamen wählte Christiane Scherer, wie Thea Dorn eigentlich heißt, in Anspielung auf den Philosophen Theodor W. Adorno.
An der Freien Universität Berlin dozierte Thea Dorn über Fragen der modernen Ethik und Ästhetik. Die Romane und Theaterstücke, die sie nach einer Reihe von Krimis schrieb, sind im Wesentlichen kritisch analysierende Milieu-Schilderungen. So beschrieb sie in ihrem letzten 2008 erschienenen Roman „Mädchenmörder: Ein Liebesroman“ die ungewöhnliche Beziehung des Opfers zum kaltblütigen Täter. Ihr erstes Sachbuch, das 2006 erschien und den Titel trägt “ Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird“, versteht sie als einen Beitrag zu einer „neuen, ideologiefreien Geschlechter- und Feminismusdebatte“.
Seit 2003 moderiert die Schriftstellerin im Fernsehen Literatursendungen – zunächst einen Büchertalk im SWR, dann und neuerdings im Wechsel mit der französischen Journalistin Isabelle Giordano die Talkshow „ Paris-Berlin“ in Arte.
Thea Dorn bezeichnet sich gelegentlich als aufgeklärte Humanistin, die auch in den christlichen Religionen „eine Sehnsucht nach Fundamentalismus“ erkennt. Thea Dorn wurde unter anderem mit dem Raymund-Chandler-Preis ausgezeichnet.
Klaus Mertes, der Jesuiten-Pater, ist Rektor des berühmten katholischen Gymnasiums Canisius-Kolleg in Berlin und zwar in zweifacher Eigenschaft: als Vertreter des Schulträgers und als Chef der Jesuitenkommunität. Er studierte in Bonn Slawistik, Klassische Philologie, Philosophie in München und Theologie in Frankfurt. Mit 23 Jahren trat Mertes, dessen Vater Alois Mertes, Staatsminister im Auswärtigen Amt war, in den Jesuiten-Orden ein und wurde 1986 zum Priester geweiht. Seit 1990 ist er in unterschiedlichen Positionen im Schuldienst tätig.
Mertes ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem „Verantwortung lernen“, „Zukunft gemeinsam gestalten“ und schreibt Kolumnen im Berliner „Tagesspiegel“, in denen er Grundsatzfragen der Ethik erörtert: “Wo sind die Christen in dieser Stadt?“ oder „Auch der Atheismus kann zur Religion werden“.