Das Philosophische Quartett
Zeitenwende: Was hält die Gesellschaft noch zusammen?
ZDF, Sonntag, 7. Juni 2009, 23:45 Uhr
PHOENIX, Sonntag, 21.06.2009, 17:00 Uhr
Gäste:
Juli Zeh, Schriftstellerin;
Prof. Dr. Meinhard Miegel, Sozialwissenschaftler
DAS THEMA
Deutschland geht’s gut. Offenbar. In den globalen Unwettern der Finanz- und Wirtschaftskrise erscheint die Bundesrepublik manchem als Fels in der Brandung. Die Kanzlerin lächelt Begütigung, der Finanzminister riskiert Kraftworte, der Wirtschaftsminister ist tadellos gekleidet und weiß sich weltläufig zu bewegen. Die Kleinwagenindustrie boomt dank Abwrackprämie. Der Einzelhandel kann sein Glück kaum fassen, denn die Konsumlust der Deutschen scheint ungebremst, die Innenstädte der Metropolen sind randvoll mit gutgelaunten Shoppern, die Fußballstadien an den Wochenenden können die Fan-Massen kaum fassen.. Die Topvereine handeln sich wie in fetten Zeiten mit zweistelligen Rekordmillionenbeträgen neue Stars ein, und auch die geschlagenen Banken dürfen sich mit Milliarden an Barem und an Bürgschaften weiter fröhlich ins Getümmel des Geldgewerbes stürzen. Der Dax steigt. Wirtschaftsinstitute melden optimistisch, die Talsohle der behaupteten Konjunkturkrise sei erreicht, ab Mitte 2009 der Aufschwung unvermeidlich. Das soziale Netz federt straff. Und im September ist die Wahl zum Bundestag. Krise? Vielleicht in New York, in Tokio, in Moskau, Reykjavik und Ougadougou. Aber nicht bei uns: Den Deutschen geht’s gut.
Wirklich?
Wer feiner ins gesellschaftliche Gewebe hineinsieht, kann die Haarrisse und undichten Stellen erkennen, sensible Ohren hören das Knirschen und leise Krachen im Gefüge der sozialen Ordnung hierzulande. Nach der Wahl wird vermutlich manches anders zu vernehmen sein: Die Arbeitslosenzahlen, so wird jetzt deutlich, werden um eine Million steigen, die Zusammenbrüche mittlerer und großer Unternehmen scheinen unabwendbar. Steuersenkung? Wohl eher wird das Gegenteil sich einstellen, die Steuer- und Abgabenlasten werden erheblich schwerer, das Armutsrisiko für den bürgerlichen Mittelstand wird in die Höhe schnellen.
Vor solchen Aussichten scheint die gutgelaunte Geduld der Deutschen als schiere Verdrängung des kommenden Unheils, als Pfeifen im dunklen Wald. Die unerhörte Kapitalvernichtung wird, wenn sie dann bei denen ankommt, mit deren Geld die epochalen Ausfälle jetzt beglichen werden – beim Steuerzahler also, beim Bürger –, nicht nur Heulen und Zähneklappern auslösen, sondern ein Krisengefühl und -bewusstsein ganz neuer Art. Das Land wird, so diagnostizierte die F.A.Z. zu Beginn der Finanztragödie prophetisch, nicht mehr das Land sein, das wir zu kennen glaubten. Aus der Finanz- und Wirtschaftskrise wird sich als bitterer Preis der Umstände eine tiefe Kulturkrise entwickeln, wenn die Erosion der sozialen Synthesis augenfällig wird, wenn in der Auflösung von unabdingbarem Zusammenhalt das emphatische Wir der Gesellschaft verschwindet und die Institutionen ihre Ratlosigkeit an die öffentlichen Orakel weitergeben. Noch erscheint die Regierung beherzt auf der Kommandobrücke – aber ist es nicht die Brücke der „Titanic“, die hier mit voller Kraft und ohne Kenntnis des sicheren Kurses durch die Eislandschaft gesteuert wird?
So vollzieht sich, nahezu unbemerkt vom Volk, eine stille, untergründige Revolution, ein langsames gesellschaftliches Abgleiten auf einer schiefen Ebene, das niemand aufhält. Da und dort allenfalls ist schon latente Panik zu verspüren. Wenn am Ende auch die Nation keine pathetische Formel mehr bietet, unter der man sich findet: Wie gefährdet wird dann das System sein? Aus der Kultur-Krise weiter in eine Sinn-Krise des Systems, hinein in ein postdemokratisches Zeitalter?
Es ist ernst. Ob die Prognose stimmt und was zu tun wäre, wenn der Befund Anlass zu dieser Annahme böte, wenn sich also die Frage stellte, was die Gesellschaft noch zusammenhielte außer der gemeinsamen Angst – darüber diskutieren Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit ihren Gästen, der Schriftstellerin Juli Zeh und dem Heidelberger Verfassungs- und Steuerrechtler Prof. Dr. Paul Kirchhof.
DIE GÄSTE
Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, zählt in die erstaunliche Reihe junger deutscher Schriftstellerinnen, die der „Spiegel“ einmal anerkennend als „Fräuleinwunder der deutschen Literatur“ erkannte. Nach dem Abitur begann Juli Zeh ein Jura-Studium, das sie in Passau, Krakau, New York und Leipzig mit den Schwerpunkten Völkerrecht und Nation Building absolvierte. 1998 legte sie in Leipzig das Erste, 2003, nach einem Praktikum bei den UN in New York, das Zweite juristische Staatsexamen ab. Ihre noch unvollendete Dissertation gilt völkerrechtlichen Fragen des Kosovo. Noch während ihres Studiums belegte sie Vorlesungen am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, ihr Diplom erhielt sie im Jahr 2000. Ihr Debüt-Roman „Adler und Engel“ erschien 2001 und wurde bis heute in achtundzwanzig Sprachen übersetzt. Danach publizierte sie in regelmäßiger Folge Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke, zuletzt den Roman „Corpus delicti“ (2009). Nahezu alle ihre Werke sind durchzogen von Gedanken um den Antagonismus von Chaos und Ordnung, von flüchtigem Zusammenhalt und den Normen einer auf Individualisierung und Globalisierung beruhenden Gesellschaft, die keine Verantwortlichkeit für die Zukunft einer Weltgemeinschaft mehr erkennen lässt. Juli Zeh ist im Tierschutz engagiert. Ihr schriftstellerisches Werk ist bis heute vielfach ausgezeichnet worden – vom Caroline-Schlegel-Preis für Essayistik (2000) bis zum Carl-Amery-Literaturpreis und dem Solothurner Literaturpreis (beide 2009). Juli Zeh lebt heute in einem Dorf im brandenburgischen Havelland.
Prof. Dr. Meinhard Miegel, Sozialwissenschaftler und Jurist, 1939 in Wien geboren, studierte Philosophie, Soziologie und Rechtswissenschaften in Washington D.C., Frankfurt am Main und Freiburg. 1970 bis 1973 war er als Syndikusanwalt tätig, bevor er bis 1975 Mitarbeiter des damaligen Generalsekretärs der CDU, Prof. Dr. Kurt Biedenkopf, wurde. Danach war er Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter der Hauptabteilung Politik, Information und Dokumentation der Bundesgeschäftsstelle der CDU in Bonn.Von 1977-2008 leitete er das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn e.V. (IWG Bonn). 1992 bis 1998 hatte er zudem eine außerplanmäßige Professur an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig inne und war Leiter des Zentrums für Internationale Wirtschaftsbeziehungen (ZIW) an der Universität Leipzig. Miegel ist zudem Beiratsmitglied verschiedener wissenschaftlicher Einrichtungen, die sich mit gesellschaftspolitischen Zukunftsfragen befassen, seit 1994 ist er Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Seit 2008 ist er Vorstand der neugegründeten Stiftung „Denkwerk Zukunft – Stiftung für kulturelle Erneuerung“.Für sein Buch "Die deformierte Gesellschaft", in dem er angesichts des dramatischen Wandels unserer Gesellschaft ein rasches Umsteuern auf allen Ebenen fordere, erhielt er 2002 den Internationalen Buchpreis Corine. 2003 war er Mitinitiator des "Bürgerkonvents", der sich zum Ziel gesetzt hat, den Reformstau in Deutschland nicht länger passiv zu erdulden, sondern aktiv zu überwinden. 2005 wurde Professor Meinhard Miegel als unbestechlicher Interpret wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Sachverhalte mit dem Theodor-Heuss-Preis ausgezeichnet. Seine wissenschaftliche und sozialpolitische Arbeit kreist um die Themen: „Epochenwende - Gewinnt der Westen die Zukunft?“, „Verdrängte Wirklichkeiten - Die Lebenswelten der Deutschen“, „Strukturwandel in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft“ sowie „Umbau des deutschen Sozialstaates: Ökonomie versus Demokratie, Perspektiven für den Arbeitsmarkt in Europa: Kommt eine neue Völkerwanderung?“.
Dazu hat Miegel zahlreiche Publikationen veröffentlicht, darunter als wichtigste die Bücher „Das Ende des Individualismus. Die Kultur des Westens zerstört sich selbst“ (1998), „Die deformierte Gesellschaft. Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen“ (2002) sowie „Epochenwende“ (2007).