Das Philosophische Quartett

Der Stärkere überlebt - Irrglaube Sozialdarwinismus?

ZDF, Sonntag, 1. März 2009, 23:45 Uhr

Phoenix, Sonntag 8. März 2009, 17:00 Uhr

Gäste:        
Prof. Dr. Ernst Peter Fischer, Wissenschaftshistoriker, Sachbuchautor
Dr. Richard David Precht, Philosoph, Schriftsteller


 


DAS THEMA


Als Charles Darwin, dessen zweihundertsten Geburtstag die aufgeklärte Menschheit in diesem Jahr ausgiebig feiert, am 19. April 1882 mit 73 Jahren starb, hatte er nicht weniger vollbracht, als die Welt vom Kopf auf die Füße zu stellen. Seine Erkenntnisse von der Entstehung der Arten, seine Theorie der natürlichen Auslese formulierten den biblischen Schöpfungsmythos um in eine klare naturwissenschaftliche Sprache von Ursache und Wirkung und erschütterten damit so manches festgefügte Weltbild.

Bis heute ist der Streit um die Gültigkeit der Darwinschen Beobachtungen von Evolution und der Abstammungslehre des Menschen und all den sich daraus ergebenden Schlußfolgerungen nicht ausgestanden: Noch immer behaupten Bibelgläubige und „Kreationisten“, nicht die Natur, sondern ein Schöpfer habe mit einem „intelligent design“ in sieben Tagen die Welt erschaffen. Man könnte achselzuckend über derlei krude Wissenschafts- und Aufklärungsverweigerung hinwegsehen, gäbe es nicht auf einem ganz anderen Feld eine ähnliche Denksperre, zumindest aber eine Fehldeutung von nicht geringer Wirkung – und auch die war immer wieder und ist gerade in diesen Tagen der weltweiten Krise wieder einmal akut: Die von durchaus nicht nur wirrköpfigen Ideologen vorgenommene Umdeutung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse Darwins in gesellschaftliche Verhältnisse, der „Sozialdarwinismus“.

Kann aber Darwins Theorie der natürlichen Auslese, der geschlechtlichen Selektion dazu genutzt werden, das Sozialverhalten des Menschen zu erklären? Kann der Umschlag der für die Natur geltenden Gesetzmäßigkeiten in die Kultur gelingen – oder folgen Kultivation, Zivilisation und andere gesellschaftliche Prozesse ganz anderen Regeln? „Survival of the fittest“, das garantierte Überleben des Stärkeren (der sich als ein solcher natürlich mit allen Mitteln durchzusetzen hat) – ist dies überhaupt ein Naturgesetz oder nicht schon bloß eine falsche Interpretation der Darwinschen Theorie vom Anpassungsdruck als Mutter aller Evolution? Und kann derlei im menschlichen Zusammenleben als Regel gelten? Wo bleiben Ethik und Moral, wo Anstand und common sense? Wo bleiben sie – und woher sind sie gekommen? Das falsche Denken öffnete eine wahre Büchse der Pandora – bis hin zum Herrenmenschen- und Rassenwahn mit der Folge des schrecklichsten Zivilisationsbruchs der Menschengeschichte.

Freilich: Anpassung läßt sich auch als Konkurrenz denken, als Wettbewerb um das beste Produkt, um die bessere Idee, die bessere Ideologie, um den besseren Menschen – alle gegen alle; und mit diesem „Kampf ums Dasein“ wäre man gedanklich wieder in die Falle der Sozialdarwinisten gegangen, die Natur gegen Kultur ausspielen. Wie weit gewisse Denkmuster der Darwinschen Theorien womöglich aber doch bedenkenswert sein könnten in der kulturellen, zivilisatorischen Formung des gesellschaftlichen Wesens Mensch, wo die Grenzen solcher Projektion liegen – oder ob der Sozialdarwinismus, ob Sozio-Biologie und Bio-Ethik ausgemachte, teils gefährliche, teils bizarre Irrwege gehen: darüber diskutieren Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit dem Wissenschaftshistoriker und Schriftsteller Ernst Peter Fischer und dem Philosophen und Bestsellerautor Richard David Precht.

DIE GÄSTE


Ernst Peter Fischer, 1947 in Wuppertal geboren, ist einer der bekanntesten Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftspublizisten in Deutschland. Als studierter Mathematiker, Physiker und Biologe promovierte er 1977 am California Institute of Technology, habilitierte sich zehn Jahre später als Wissenschaftshistoriker in dem Fach, das er seither als Professor an der Universität Konstanz lehrt. Nicht von ungefähr war er ein Jahrzehnt lang Herausgeber des „Mannheimer Forums“ – als Nachfolger des damals populären Wissenschaftsautors Hoimar von Ditfurth, mit dem er die Leidenschaft für klare und verständliche Sprache in der Vermittlung von Naturwissenschaft teilt. Bekannt wurde er 2003 mit seinem Buch „Die andere Bildung“, einem vehementen Plädoyer für die Naturwissenschaften als wesentlichem Teil des Bildungskanons. Dem folgten in kurzen Abständen gut fünfzehn Bücher, darunter so bekannte Titel wie „Einstein trifft Picasso und geht mit ihm ins Kino“ (2005) oder „Schrödingers Katze auf dem Mandelbrotbaum“ (2006). Zuletzt hat er „Das große Buch der Evolution“ (2008) und „Der kleine Darwin“ (2009) vorgelegt. Er publiziert in GEO, Bild der Wissenschaft, Weltwoche und FAZ. Seit zwei Jahren führt Fischer auch den höchst unterhaltsamen Blog „Die andere Bildung“ zu aktuellen Fragen von Naturwissenschaft und Wissenschaftsvermittlung in den Medien, über die Allgegenwart der Dummheit und den dringenden Wunsch nach Vernunft.

Richard David Precht, 1964 in Solingen geboren, ist der Shooting star unter den Autoren philosophischer Schriften: Sein 2007 erschienenes Buch „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“, das Erkenntnisse der Hirnbiologie mit philosophischen Konsequenzen und allgemeinen Lebensfragen verknüpft, hat sich bis heute weit mehr als sechshunderttausend Mal verkauft.
Es war nicht Prechts Erstling: Nach dem Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte promovierte er 1994 über Robert Musil. 1997 arbeitete er als Arthur-F.-Burns-Fellow in der Redaktion der „Chicago Tribune“ und war 2000/2001 Fellow am Europäischen Journalistenkolleg in Berlin. Als Essayist und Kolumnist („Literaturen“) publizierte er in deutschen Zeitschriften und Zeitungen, bis 2008 moderierte er das „Kritische Tagebuch“ des WDR.
1997 erschien sein nach der Dissertation erstes Buch „Noahs Erbe“, das sich mit ethischen Fragen im Verhältnis von Mensch und Tier befaßt. 1999 folgte ein mit seinem Bruder Jonathan geschriebener detektivischer Bildungsroman „Das Schiff im Moor“, 2002 der Nachwende-Roman „Die Kosmonauten“. Auf gute Resonanz stieß seine 2007 vorgelegte Autobiographie „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“, die auch verfilmt wurde. Sein Bestseller „Wer bin ich …“, das erfolgreichste Sachbuch des Jahres 2008, wurde bisher in sechzehn Sprachen übersetzt. Am 10. März erscheint sein neues (Sach-)Buch „Liebe. Ein unordentliches Gefühl“.

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