Dokumentation
Berliner Katzenjammer
NDR, Montag, 23. Mai 2005, 23:00 Uhr
23. Mai 2005, 23:00 Uhr, NDR
7. Juli 2005, 0:00 Uhr, ARD
Autor: Felix Schmidt
Moderator: Hellmuth Karasek
Kamera: Tobias Albrecht
Berlin will europäische Metropole sein, wie einst in den goldenen Zwanzigern, als Paris auf das glänzende Berlin schaute. Und doch erscheint Berlin am Beginn des 21. Jahrhunderts nur als eine Hauptstadt ohne nennenswerte Zukunft - vom Berlin-Boom der Wendejahre ist kaum etwas übrig geblieben.
In der Dokumentation „Berliner Katzenjammer“ wird prominenten Wissenschaftlern, Wirtschaftsfachleuten, Schriftstellern und Publizisten eine Art Berlin-Bilanz abverlangt. Von Städteplaner Albert Speer beispielsweise, der angesichts des mit Glasbunkern und Betonklötzen zugestellten Potsdamer Platzes davon spricht, dass nach der Wende die Chance eines großen charakteristischen Entwurfs spektakulär vertan worden sei: „Die Provinzialität hat in Berlin gesiegt.“ Er ist da im Einklang mit dem vor ein paar Jahren nach Berlin zurückgekehrten Kunstsammler Heinz Berggruen, der Berlin - mit Paris vergleichend - den Rang einer weltstädtischen Metropole abspricht. Es scheint so, als könne die deutsche Hauptstadt weder die Weltläufigkeit noch das intellektuelle Format erreichen, womit sie in den Zwanziger Jahren Paris den Spitzenplatz der europäischen Kulturmetropolen mit Erfolg streitig gemacht hatte, damals, als der Potsdamer Platz als die eleganteste europäische Flaniermeile galt.
Und heute? Die Schriftstellerin Anne Zielke urteilt: „Berlin – eine triste Stadt, die keinen Stil hat, keinen Glamour, dafür umso mehr schlecht gelaunte und schlecht gekleidete Menschen.“ Der Ex-Kulturstaatsminister Michael Naumann konstatiert in Berlin sogar eine „geistige Verkrustung, vielleicht auch eine Art Verblödung“. „Niemand konnte ahnen, dass ein Frisör die geistige Elite Berlins werden sollte.“ Berlins zunehmende geistige Bedeutungslosigkeit ist wesentlich darauf zurückzuführen, dass es nach dem Krieg und auch nach der Wende nicht gelungen ist, jene Gesellschaftsschicht in Berlin wieder heimisch zu machen, die einst das Bild der Hauptstadt geprägt hat: das wohlhabende Bürgertum, die seriösen jüdischen Bankiers, die bedeutenden Wissenschaftler und Künstler. „In Berlin“, sagt der Germanist und Schriftsteller Peter Wapnewski „wird das Gediegene und Seriöse missachtet und belächelt.“ „Im geteilten Berlin“, urteilt Albert Speer, "musste man sich nie anstrengen. Das Geld kam ja woanders her, Berlin wurde unterstützt. Darauf wartet Berlin auch heute noch. Es gibt in dieser Stadt keine Eigeninitiative. Man sagt sich: irgendjemand wird das ja schon bezahlen."
Auch Hellmuth Karasek, der den Berlin-Film mit hoffnungsvollen Gedanken eingeleitet hat, sieht am Ende besorgt in die Berliner Zukunft: „Bedingt durch die Teilung der Stadt, gibt es zu viele Menschen mit Versorgungsmentalität in Berlin. Menschen, die nur Ansprüche haben. Wenn das die vorherrschende Mentalität der Stadt bleibt, dann ist das nicht sehr ermutigend.“