Dokumentation

Hans Küng - Mein Leben

arte, Samstag, 14. Juli 2007, 17:15 Uhr

14. Juli 2007, 17.15 Uhr, ZDF
5. Januar 2008, 18.15 Uhr, ZDF

Autor: Thomas Schröder
Kamera: Uli Fischer

 



Er ist der bekannteste Theologe der Welt. Doch seinen globalen Ruhm verdankt der katholische Gottesgelehrte Hans Küng aus dem schweizerischen Sursee nicht nur den fulminanten, in ihrer Vielzahl kaum noch zu überschauenden wissenschaftlichen Publikationen und den Büchern, die er bis heute in Millionenauflagen einem begeisterten Laienpublikum über die Fragen des Christenglaubens vorlegt – seinen Ruhm und die universale Aufmerksamkeit auf alle seine Reden und Schriften, auf seine Person verdankt der vor mehr als einem halben Jahrhundert zum Priester geweihte Gottesmann einer Rolle, die er mit unversiegbarer Leidenschaft angenommen hat: Er ist der fromme Rebell gegen den Papst.

Seit er als Theologiestudent in Rom und Paris sein Lebensthema in der Auseinandersetzung mit zentralen Positionen des Reformators Martin Luther („Rechtfertigung“) fand, steht auch er da und kann nicht anders, als gegen die Anmaßung des in seinen Augen absolutistisch-monarchisch agierenden Papsttums zu revoltieren: gegen das Dogma der Unfehlbarkeit, gegen das rigorose Verbot von Pille und Abtreibung, gegen den Priester-Zölibat, für die Öffnung des Priesteramts für Frauen.

Die Wirkung, die von der kritischen Theologie des sein Gelehrtenleben lang an die Universität Tübingen gebundenen Professors auf Kirche und Klerus wie auf die katholische Öffentlichkeit ausstrahlte, war so explosiv, dass die Deutsche Bischofskonferenz ihm auf römisches Geheiß die Lehrbefugnis entzog. Dies führte 1979 zu einer krisenhaften Erschütterung des Katholizismus in Deutschland und weit darüber hinaus – und beförderte Küngs Popularität ein weiteres Mal. Sein Tübinger Fakultätskollege über einige Jahre, Joseph Ratzinger, den er als theologischer Konzilberater 1962 im Vatikan kennen- und schätzen gelernt hatte, wurde, kaum dass der als Chef der Glaubenskongregation wichtigster Ratgeber Papst Johannes Pauls II. geworden war, zum erbitterten Gegner des aufmüpfig-unbeugsamen Reformtheologen. Zweieinhalb Jahrzehnte des polnischen Pontifikats blieb Küng vom vatikanischen Bann belegt, bei striktester Gesprächsverweigerung. Erst als Benedikt XVI. empfing Joseph Ratzinger den „lieben Herrn Küng“ zum „brüderlichen Gespräch“ auf Castelgandolfo – kein Triumph, aber eine tiefe Genugtuung für den so lange Geächteten, der freilich keine seiner Positionen preisgegeben hat. Heute wirkt Küng als Präsident seiner Stiftung „Weltethos“ als gesuchter Gesprächspartner von Staatslenkern und Religionsführern, als Freund des Dalai Lama und von Kofi Annan für den Frieden und die Dialogbereitschaft der Konfessionen und aller, nicht nur der christlichen Weltreligionen.

Von Fix- und Wendepunkten seines streitbaren Lebens erzählt der immer noch virile, vital und aktiv die Anliegen der Stiftung vorantreibende bald Achtzigjährige in seinen Häusern in Tübingen und Sursee und vermittelt beim Schwimmen im Sempacher See, beim Spaziergang durch seinen Heimatort und die Universitätsstadt wie auch im Austausch mit seinem Freund Walter Jens das Bild eines überzeugungsstarken und geglückten Lebens. Dazu versammelt der Film zahlreiche, bisher nicht veröffentlichte Privatphotos sowie selten gezeigte frühe dokumentarische Szenen aus seinem priesterlichen wie Hochschullehrer- Dasein. Im Film bilanziert Küng, den viele einen Luther unserer Zeit nennen, sein theologisches Lebenswerk: Beherzigte Rom alle seine Erkenntnisse und Mahnungen, so käme es zu weit mehr als nur einer Reform. Die katholische Kirche stünde dann „in der Tat vor einer neuen Reformation“.