Dokumentation
Mstislav Rostropovich – das musikalische Gewissen
arte, Samstag, 24. März 2007, 22:30 Uhr
Autor: Enrique Sánchez Lansch
Kameramann: Rene Dame
Mstislav Rostropovich gilt es einer der besten Cellisten aller Zeiten. Besonders nachdrücklich setzte er sich für die Musik zeitgenössischer Komponisten ein. Seine Musik wurde mit mehr als 130 Preisen und Auszeichnungen gewürdigt. Ab 1970 widmete er sich zusätzlich auch der Tätigkeit eines Dirigenten. Nach schweren Konflikten mit der sowjetischen Regierung wurde er 1974 ausgebürgert und emigrierte nach Washington, D.C., wo er 1977 zum Chefdirigenten gewählt wurde.
Diese Dokumentation zu seinem 80. Geburtstag im März 2007 schildert das bewegte Leben des außergewöhnlichen Cellisten Mstislav Rostropovich von seiner Kindheit in Baku, als er unter der Apathie des Vaters litt, bis zur heutigen Zeit als Weltstar, der zwischen seinen Tourneen die prachtvolle Ausstattung seiner verschiedenen Wohnsitze genießt. Der naive Besitz- und Genusswille gehört ebenso zu Rostropovichs überschäumendem Naturell wie Aufrichtigkeit, Ehrgeiz und Energie.
Das Leben des Künstlers erfuhr eine entscheidende Wende, als er den kranken und unter den Schikanen der Staatsmacht leidenden Schriftsteller Alexander Solschenizyn im Pavillon seines Landhauses unterbrachte. Die sowjetischen Kulturfunktionäre sahen darin eine gegen sie gerichtete hochpolitische Attacke, obwohl der Lenin – und Stalin – Preisträger Rostropovich beteuerte: „Was ich getan habe, war lediglich ein Akt der Menschlichkeit.“
Es folgten zwei Jahre der künstlerischen Quarantäne bis zum Mai 1974, die er in tiefer Erschöpfung und zunehmender Verzweiflung verbrachte. „Was soll man von einem Regime halten, das sich zu solchen Absurditäten versteigt“, heißt es in einem Brief, den er in den Westen schmuggeln ließ. Von der „unerhörten Niedertracht der Behörden“ verletzt, trat er offen gegen die Sowjetherrschaft an.
Als er am 26. Mai 1974 mit seiner Familie die lange erwartete Genehmigung für einen zweijährigen Aufenthalt im Westen erhielt, wurde er von einem Trauma aus Druck, Angst und enttäuschter Hoffnung befreit. Rostropovich wirft sich, ganz der alte Wilde, mit dem für ihn charakteristischen Ungestüm auf die Planung einer neuen Zukunft. Es glücken ihm ehrgeizige Jahre voller emphatischer Erfolge. So führte er in einem Aktivitätsrausch in der Londoner Festival Hall an acht Abenden fünfzehn Cello – Konzerte auf.
1977 gelangte er ans Ziel seiner Wünsche, als er zum Chefdirigenten des Washingtoner National Symphony Orchestra gewählt wurde. Er spürte nun wieder sicheren Grund unter den Füßen:“ Das ist Boden, in dem ich Wurzeln schlagen werde.“ Er richtet sich nun im Westen ein, denn er spürt, über den vordergründigen Anlass der Ausbürgerung hinaus, dass er ein Weltbürger geworden ist, der seine Heimat dort hat, wo er sich am besten entfalten kann.
Nachdem Michail Gorbatschow ihm die aberkannte Staatsbürgerschaft 1990 wieder zurückgegeben hatte, entschloss er sich, in die Sowjetunion zu reisen. Den Untergang des Warschauer Paktes erlebte er vom Überschwang regelrecht überwältigt. Wie immer nicht ganz ohne Seitenblick auf den Effekt spielte er nach dem Fall der Berliner Mauer eine Suite von Bach „zum Gedenken an diejenigen, die hier ihr Leben ließen.“
Trotz aller Legenden, die sich um Rostropovichs Leben ranken, trotz gelegentlicher bohémienhafter Einsprengsel und heißblütiger Ausbrüche ist seine Existenz auf bürgerliche Solidität, altmeisterlichen Arbeitseifer und eine gewiss anstrengende Selbstdisziplin gegründet, wie die Gespräche mit dem beeindruckenden Musiker und seinen Weggefährten zeigen.
