Dokumentation
Christian Thielemann: Ein Preuße, wie Gott ihn erschuf
Bayerisches Fernsehen, Sonntag, 4. November 2007, 12:00 Uhr
Autor: Felix Schmidt
Kamera: Maik Behres
Das hat es nie zuvor gegeben: Nachdem er zum ersten Mal im Herbst 2000 die Wiener Philharmoniker dirigiert hatte, erhoben sich die Musiker und applaudierten stehend dem Debütanten: Christian Thielemann.
Nach seinem Triumph bei den Wiener Philharmonikern, deren ständiger Gastdirigent er nun ist, vor allem aber nach dem überwältigenden Debüt mit Wagners „Parsifal“ kann sich Thielemann aussuchen, was er wo dirigieren will. Thielemann ist einer der raren musikalischen Weltstars, die Deutschland hat. Mit der Deutschen Oper in Berlin, deren Generalmusikdirektor er von 1997 bis 2004 war, hat er gebrochen und ist 2004 als Chef der Philharmoniker nach München gegangen, nachdem er Angebote großer Opernhäuser und namhafter Orchester (New York, Chicago und London) abgesagt hatte. Ein Preuße in München. Mehr noch: “Er ist ein Preuße, wie Gott ihn erschuf“, erklärte der Musikkritiker Joachim Kaiser. In der Tat: Thielemann ist dafür bekannt, dass er die preußischen Tugenden und Werte hochhält, vor allem auf Disziplin dringt.
Kaiser spielte vor allem auf die Kapellmeistertugenden an, mit denen Thielemann als Korrepetitor und Repertoiredirigent an mittleren Opernhäusern groß geworden ist. Auf sie pocht er bis heute. Er ist ein kontinuierlich arbeitender Orchestererzieher, der aus seiner Skepsis gegenüber dem Regietheater in der Oper, diesen „Dramaturgieexzessen“, keinen Hehl macht. Denn der reflektierende Intellektualismus, so meint er, verstelle den Blick auf die Kunst. Dem möchte er schlicht „gute Musik mit guten Sängern“ gegenüberstellen.
In der großen weiten Welt fühlt der geborene Berliner sich ohnehin nicht mehr wohl: „Ich kann diese Hotelsuiten nicht mehr sehen. Ich will abends, wenn es sich einigermaßen einrichten lässt, zu Hause sein.“ Also nicht verwunderlich, dass er Privates oft rigoros einem gloriosen Auftritt – beispielsweise im Fernsehen – vorzieht, lieber in Sylt Urlaub macht als in Chicago zu dirigieren.
Folgerichtig führt ihn sein Tourneeplan nur noch selten über Europa hinaus. Solche Beschränkung öffnet aber zugleich Freiräume zu vertieftem Studium, zur Erweiterung seines Repertoires. Verstärkt hat er sich in letzter Zeit den Franzosen und Italienern zugewendet – Massenet und Berlioz, Puccini und Verdi. Der Vorwurf, er würde bei Strauss und Wagner verharren, wird zwar von linken Feuilletonisten in Deutschland immer wieder neu erhoben – er wird aber dadurch nicht richtiger. Zwar ist er in der Tat der Strauss- und Wagner-Dirigent per exellence, aber immer wieder hat er im Konzertsaal die Romantiker Schubert und Schumann vor allem hemmungslos romantisch dirigiert und mit großem Engagement die Neue Musik in seine Konzert- und Opernprogramme einbezogen. Er hat immer wieder Schönberg, Nono und Henze aufgeführt.
Was aber ist das Geheimnis seines Musizierens, was begeistert die Orchestermusiker wie sein Publikum so sehr? Es ist seine ungeheure Präzision, sein Vermögen, scheinbar Nebensächliches zum Klingen zu bringen, das sich bis dahin in der Partitur verborgen hatte, seine Fähigkeit, dem Werk eine andere, neue, nie vernommene Tiefe zu geben. Man könnte auch sagen, es ist seine Liebe zum dichten, seit Furtwängler so genannten deutschen Klang mit den dunklen Streichern. Nicht verwunderlich, dass der ehemalige Bratschist Thielemann sich in der Tradition der deutschen Dirigenten Furtwängler und Klemperer sieht. Es ist der dezidiert deutsche Interpretationsstil, für den er mit seiner Musik einsteht und den er vor dem Verschwinden bewahren will. Das war sicher karrierefördernd und ist heute sein Markenzeichen.
Der Film versucht, über verschiedene Stationen seines derzeitigen Wirkens ein Bild des hochgespannten Musikers, des schwierigen Menschen und Freundes preußischer Tugenden zu entwerfen.