Dokumentation

Volker Schlöndorff - Mein Leben

arte, Sonntag, 11. Mai 2008, 18:15 Uhr

Autor: Frank Eggers
Kamera: Max Penzel


Eines, so viel ist wahr, hat er in seinem Leben nicht erreicht – und auch nicht angestrebt: den Status eines "Kult"-Regisseurs. Was Rainer Werner Fassbinder und Wim Wenders zugefallen ist, bleibt ihm versagt. Das verwundert – denn keiner darf wie Volker Schlöndorff für sich beanspruchen, den deutschen Film auf den Gipfel der internationalen Anerkennung geführt zu haben: mit seinem 1979 in Danzig gedrehten Film „Die Blechtrommel“ nach dem gleichnamigen Roman von Günter Grass erringt er die „Goldene Palme“ des Festivals von Cannes und, frühe Karriere-Krönung, als für ein Vierteljahrhundert einziger deutscher Filmemacher 1980 den „Oscar“ für den besten ausländischen Film – bevor Caroline Link (2003) und jetzt Florian Henckel von Donnersmarck dieselbe Ehre zuteil wird.

Schlöndorffs ausgeprägtes Gespür für filmische Stoffe, die er schon früh gern in der Literatur findet, unterstreicht seinen Hang zum filmischen Erzählen - weshalb er gar nichts dabei findet, sich ausdrücklich zum "kommerziellen Unterhaltungskino" zu bekennen. Sein perfektes Handwerk freilich, das er als Assistent so bedeutender Regisseure wie Ludwig, Berger, Luis Malle, Jean-Pierre Melville und Alain Resnais erlernt, dient natürlich von Anfang an seinem filmkünstlerischen Formulierungsdrang, der ihm bei Bildfindung und Schauspielerführung (die besten drängen vor seine Kamera) zu einer ganz eigenen, unverwechselbaren Ausdrucksfülle führt.

Schon in seinem ersten großen Spielfilm "Der junge Törless" (1966) nach einem Roman von Robert Musil erweist er verblüffende Erzählfreude und Stilsicherheit und erringt dafür auf Anhieb dreimal das Deutsche Filmband in Gold. Bald darauf gewinnt er damit den Kritikerpreis in Cannes.

Foto: Max PenzelSchlöndorffs Souveränität im Umgang mit den filmischen Mitteln wird kraftvoll belebt von seiner Intellektualität und seinem gesellschafts- wie kulturpolitischen Engagement, das ihn in den Umbruchjahren der Bundesrepublik nach 1968 auch bei seinen Stoffen, in Filmen wie "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1975, nach Heinrich Böll) oder dem melancholisch-polemischen Episodenfilm "Deutschland im Herbst" (1978), zu kritischen Auseinandersetzungen mit der deutschen Wirklichkeit und ihren nachwirkenden Ursachen treibt. Die Bereitschaft, schwärende politische Fragen der Republik filmisch zu skandalieren, bleibt ihm: 1999 erregte er das Land mit einer Verarbeitung der Biographie der RAF-Terroristin Inge Vieth, die sich einst in die DDR abgesetzt hatte und von der Wende überrascht worden war: "Die Stille nach dem Schuss".

Intellektuelle wie kreative Unruhe veranlassen den 1939 in Wiesbaden geborenen, im Taunus-Badestädtchen Schlangenbad aufgewachsenen Arztsohn noch als Schüler, die vertraute, doch als beengend empfundene Heimat zu verlassen und seine Schulzeit in einem bretonischen Jesuitenkolleg fortzusetzen. Hier offenbart der bis dahin eher mittelmäßige und unwillige Schüler einen so unaufhaltsamen Lern- und Leistungswillen, dass er das Abitur als einer der drei Jahrgangsbesten in ganz Frankreich ablegt und sein Baccalauréat im Pariser Panthéon aus der Hand des Staatspräsidenten Coty entgegennimmt.

Er bleibt in Paris und gerät während seines Studiums der Politischen Wissenschaften an der Sorbonne über das Institut des Hautes Etudes Cinématographiques in Kontakt zu der in dieser Zeit, Ende der Fünfziger Jahre, virulenten französischen Film- und Cineasten-Szene der Nouvelle Vague, vor allem zu dem bewunderten Louis Malle.

Von nun an entsteht in rascher Folge Meisterwerk um Meisterwerk, nicht selten mit sozialkritischen Impulsen wie in "Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach" (1971), wieder und wieder kommt es zu glänzenden Adaptationen großer literarischer Vorwürfe - Proust, Frisch, Brecht, Böll, Henry James, Kleist, Arthur Miller, Pinter -, Projekte, die zum Teil während eines fünfjährigen Aufenthalts in Amerika realisiert werden, und anderem mit Dustin Hoffman und John Malkovitch. Seinen quälenden, von ihm selbst als "Wahnsinn" bezeichneten Versuch, Michel Tourniers dunklen Roman "Der Erlkönig" im Film "Der Unhold" als phantasmagorische Auseinandersetzung mit deutscher Nazi-Schuld zu inszenieren, hat er wohl zu Recht auch als seine "riskanteste Unternehmung" charakterisiert, bei der es "alles an Verrücktheit geben kann, aber keinen Mittelweg". Sie findet Anerkennung bei der Kritik, fällt aber beim Publikum durch. Schließlich scheitert auch seine erste Ehe mit der Regisseurin Margarethe von Trotta, mit der er einige seiner besten Arbeiten noch gemeinsam verwirklicht hat.

Daneben findet er immer wieder auch Zeit für spezielle Dokumentationen, politische Polemiken wie "Der Kandidat" gegen die mögliche Kanzlerschaft von Franz Josef Strauß, aber auch die wundervolle, von heiterster Wissbegier getriebene, anekdotenreiche Analyse des filmischen Lebenswerks von Billy Wilder, der ihm für sechs höchst aufschlussreiche und unterhaltsame Folgen in "Billy Wilder, wie haben Sies gemacht?" Rede und Antwort steht - mit grandiosen Einblicken in das Nähkästchen eines der ganz großen Meister der von alteuropäischem Geist wie von jüdischem Witz und amerikanischer Lakonie beflügelten Filmkomödie. Seine schöpferische Spannweite erprobt Schlöndorff auch in Inszenierungen von Opern seines Freundes, des Komponisten Hans Werner Henze, der zu einigen seiner Filme die Musik schrieb.

Und als sei das alles noch lange nicht genug, schultert der rastlos Beschäftigte nach dem Fall der Mauer noch eine ganz andere abenteuerliche Aufgabe: er übernimmt für einige Jahre die Ufa- und Defa-Studios in Potsdam-Babelsberg und versucht, das traditionsreiche, aber heruntergekommene Gelände in eine moderne, auch für internationale Großproduktionen geeignete Medienstadt zu verwandeln. Aber schon zuvor hat sich der nun auch als Manager erfolgreiche Regisseur immer wieder filmpolitisch eingesetzt; viele Jahre wirkt das SPD-Mitglied in der Filmförderungsanstalt segensreich mit.

Foto: Max PenzelSein neuester Film (nach dem gerade laufenden Solidarnosc-Epos "Strajk") ist eine Überraschung für Schlöndorff-Freunde: "Es ist ein sehr lyrischer Film, eine melancholische Liebesgeschichte fast ohne Worte. Zur Abwechslung mal keine Literatur, keine Politik, auch keine Vergangenheitsbewältigung, sonder reine Kür, eine Hymne auf das Leben - wie es meinem Alter ansteht", so der Regisseur über "Ulzhan", sein "kleines Werk", das in der Landschaft Kasachstans spielt und mit Ayanat Ksenbai als Ulzhan ein neues apartes Mägdchengesicht präsentiert. Wir zeigen Schlöndorff bei der sensiblen Regiearbeit, bei den Auseinandersetzungen mit Schauspielern (darunter "Blechtrommler" David Bennent ), Kameramann und seinem Stab und eben damit einen faszinierenden Einblick in die kreative Feinmechanik, in das schöpferische Zentrum seiner filmischen Arbeit.

In seiner Babelsberger Villa, an einem der vielen idyllischen Havelseen in und um Berlin, im privaten Umfeld also, sollen die Interviews geführt werden, in denen Schlöndorff sich über seine Filme äußert, über filmästhetische Fragen Auskunft gibt, über seine Erfahrungen im europäischen, im deutschen wie im französischen Film im Gegensatz zu denen, die er in Amerika, im Hollywood-System gemacht hat. Hier wird er auch die Entwicklung seines eigenen künstlerischen und filmtechnischen Werdegangs erläutern - an Hand ausgewählter Beispiele aus seinen Filmen wird er über die Wichtigkeit großer Literatur für Inspiration und Imagination seines Werks sprechen, er wird von Kameramännern, von Schauspielerinnen und Schauspielern und der Bedeutung der Filmmusik erzählen, von Begegnungen berichten, die sein Leben und seine Arbeit geprägt und reich gemacht haben.

Weitere Aufnahmen und viele private Archivalien des Mannes, dessen Leben ganz im Kino und seinen Versuchungen aufgeht, sollen den Bildern dieser bewegten Biographie gelten; so sind Drehs in Berlin, seiner Wahlheimat Potsdam, in Cannes und New York geplant. Alle diese Orte sind dem Weltbürger Schlöndorff, jeder auf seine Weise, zu einer Heimat geworden. In Berlin diskutiert er in der Akademie der Künste (Pariser Platz, Brandenburger Tor) über Produktionsbedingungen in Deutschland und gibt jungen Filmenthusiasten Ratschläge; in Potsdam begleiten wir den begeisterten Läufer bei einem Marathonlauf, in Cannes, der Stätte seiner frühen Triumphe, sind wir im Trubel des Festivals bei der Weltpremiere von "Ulzhan" dabei und verfolgen seine Begegnungen mit alten Freunden und Kollegen; in New York schließlich in der sein Werk international-professionellen Schliff bekam, er zugleich begriff, wie tief er in den Erzähl- und Produktionsstrukturen des europäischen Kinos wurzelt - in dieser Stadt der Entscheidung wird er Schauspieler wie Dustin Hoffman und John Malkovich, Drehbuchautoren und andere Persönlichkeiten des amerikanischen Films treffen und sich mit seinen Freunden auf ein heiter-melancholisches Gespräch über die Dinge des Lebens treffen.