Dokumentation

Christine Schäfer – Ich will das FIS

arte, Montag, 14. September 2009, 22:20 Uhr

Ein Film über die Sopranistin Christine Schäfer

Autoren: Felix Schmidt, Dieter Schneider
Kamera: Jörg Jeshel

Sie ist die geborene Anti-Diva, keine glutäugige Mediensphinx, kein Geschöpf des Marketing. Sie ist bodenständig, ohne Zicken und Allüren, unbeirrbar in der Wahl ihres Repertoires und ihres Auftritts. Die Unbeirrbarkeit, dies betont Unangepasste und Eigensinnige passt nicht in das Bild der glatten Klassik, wie sie beispielsweise von Anna Netrebko, unter Beihilfe von flinken Marketingspezialisten, verkörpert wird. Die Sopranistin Christine Schäfer beweist, dass eine große Karriere auch ohne populistisches Anbiedern noch möglich ist. Als die Deutsche Grammophon-Gesellschaft die Sopranistin Christine Schäfer als Elfe der zeitgenössischen Musik vermarkten wollte und die zierliche blonde Frau zu einer freizügigen Cover-Gestaltung überreden wollte, kündigte sie ihren Exklusiv-Vertrag mit der mutigen Bemerkung: "Ich wollte mich nicht im halboffenen Hemdchen fotografieren lassen. Und darüber, was ich singe, bestimme ich. Ich habe schließlich ein breites Programm."

Foto: Oliver HerrmannEs reicht von ganz Altem bis zu ganz Neuem, von Monteverdi bis Aribert Reimann. Und es hat Schwerpunkte: Mozarts Donna Anna, Verdis Traviata, Bergs Lulu, Schönbergs Pierrot und die Rosenkavalier-Sophie von Strauss. Neuerdings darf man die Rolle des pubertierend liebessüchtigen Cherubino aus Mozarts Figaro dazurechnen, mit der Christine Schäfer bei den Salzburger Festspielen nahezu erreicht hat, was ihr vorschwebt: "Ich möchte, dass die Uhren stehen bleiben, wenn ich singe". Christine Schäfer, Blondschopf mit Matrosenanzug, hat dieser Figur eine tragische Spannung gegeben - in gleichem Maße unschuldig wie unkeusch. "So intensiv gesungen und gestaltet hat man den Cherubino in Salzburg noch nicht gehört", urteilte der Wiener "Standard". All jene, die zur Premiere einer Netrebko-Gala angereist waren - sie sang die Susanne - mussten mit fassungslosem Befremden feststellen, was die Süddeutsche Zeitung tagsdrauf so beschreib: "Christine Schäfer ist die vielseitigste und spannendste unter den jungen Sängerinnen." Ihre Vielseitigkeit dokumentierte sie jüngst auf eindrucksvolle Weise: auf einer Tournee mit Max Raabes Palastorchester sang sie Schlager der 20er Jahre.

Als Beleg dafür lässt sich auch die CD mit der Winterreise von Franz Schubert anführen, die kurz nach ihrem Salzburger Triumph auf den Markt kam. Mit kühler Distanz zu allem Süßlich-Überbordenden, zur gefühligen Volksliedhaftigkeit geht Christine Schäfer unprätentiös und glasklar deklamierend hurtiger durch den Liedzyklus als alle etwa 60 Konkurrenten, die vor ihr die Schubert-Lieder für die Schallplatte gesungen haben. Sie erreicht die Bestzeit von 68 Minuten und 32 Sekunden.

Lieder zu singen, zumal der romantischen Epoche, gehört auch deshalb zu den schwierigsten musikalischen Darstellungsformen, weil es nur den wirklich großen Sängern gelingt, nicht nur zu interpretieren, sondern sich selbst als Künstler im Werk aufgehen zu lassen; also mit der Rolle im Gedicht und mit der Gesangslinie auf natürliche Weise zu verschmelzen. Diese Fähigkeit zur Identifikation mit Text und melodisch-harmonischer Linie hatte Christine Schäfer schon früher bewiesen, als sie in eine Inszenierung ihres Lebensgefährten Oliver Hermann Schumanns "Dichterliebe" zelebrierte und 2002 bei der Ruhr-Triennale mit ihrem hohen Sopran in die Seelenlandschaft romantischer Männerschwermut einbrach.

Oliver Hermann starb kurz danach. Ein paar Jahre wurde es still um die Künstlerin; sie musste sich in ihrem "gänzlich veränderten und aus der Balance geratenen" Leben als alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Mädchen und dem Berliner Haushalt zurechtfinden. Sie war keinesfalls, wie ein Kritiker schrieb, "dem normalen Musikbetrieb abhanden gekommen"; sie hat sich lediglich der Kinder wegen auf Auftritte in Berlin beschränkt.

Foto: Ludwig SchrimerNun ist sie aber wieder da. Mit der Unbeirrbarkeit, die ein wesentlicher Zug ihres Charakters ist und den der etablierte Musikbetrieb so anstößig findet, hat sie die CD-Produktion der "Winterreise" in die eigene Hand genommen. Sie mietete ein Tonstudio und bestand darauf, die Aufnahme mit Mikrofonen aus den vierziger Jahren zu machen. Sie wollte damit einen "sehr trockenen, sehr nahen Klang" erzeugen. So als stünde der Sänger im Wohnzimmer. "Man sollte nicht vergessen, dass die Schubertschen Lieder nicht für die große Philharmonie gedacht sind." Der Erfolge der "Winterreise"-CD, auch der kommerzielle, hat sie ermutigt, beim nächsten Projekt ebenfalls auf Außenseiter-Kurs zu bleiben. Sie hat soeben eine CD mit Liedern von Henry Purcell, die sie mit zeitgenössischen Songs von George Crumb kombinierte, aufgenommen. "Etwas abseitig", sagt sie selbst. Aber: "Ich mache keine CD, um eine Plattenfirma zu füttern, sondern nur, wenn es ein Thema gibt, das mich interessiert."

"Sie macht was sie will", hatten auch schon ihre Eltern seufzend festgestellt, als Christine Schäfer, in Frankfurt-Rödelheim als Metzgerstocher geboren, das Lyzeum der Ursulinen in Königstein (Taunus) vorzeitig verließ, um nach Berlin zu ziehen und Musik zu studieren. Denn mit Musik, vor allem mit Alban Bergs Oper "Lulu" hatte sie sich schon früh beschäftigt. "Ich habe die "Lulu" in Frankfurt oft gehört und dachte mir, das wäre das Größte, wenn ich das auch mal singen könnte. Diese Musik von Berg ging durch mich durch." Daran hat sich nichts geändert. "Ich kann zu jeder Zeit als "Lulu" einspringen und müsste nicht einmal in die Noten gucken. So oft habe ich das gesungen." Und wie sie es singt! Die Kritiker, die durchaus nicht mit allem, was Christine Schäfer macht, einverstanden sind, urteilen im Gleichklang: "Die beste Lulu, die wir je hatten."