Dokumentation

Martin Mosebach – Mein Leben

arte, Samstag, 12. September 2009, 17:20 Uhr

Autor: Felix Schmidt

Kamera: Peter Petrides, Maik Behres

Als er 1979 das zweite juristische Staatsexamen abgelegt hatte, war ihm längst klar, dass er von der Juristerei „keinen Gebrauch“ machen würde. Er hatte sie, wie er sagt, ohnedies „schlampig“ und „improvisiert“ betrieben. Der „inneren Gestimmtheit“ folgend und von Golo Mann ermuntert, wollte er sich der Schriftstellerei zuwenden. Golo Mann hatte einige Kurzgeschichten und Essays von Mosebach gelesen, die bereits den satirisch-pessimistischen Tonfall, der Mosebachs Romane durchzieht, erkennen lassen.

Martin MosebachNoch während der Vorbereitung zum Examen hatte Mosebach einen Roman konzipiert, der 1980 herauskam: Er handelt von der Rückkehr eines jüdischen Emigrantensohnes nach Frankfurt, der sich im Bett seiner alten Kinderfrau verkriecht, weil er hofft, mit dieser regredierenden Haltung die frühkindlich verlorene Heimat wiederzufinden. Seit diesem Debütbuch „Das Bett“ hat Mosebach neun weitere Romane geschrieben, durch die sich seine Heimatstadt Frankfurt, auch wenn sie nicht immer mit Namen genannt wird, wie eine große ariose Melodie zieht: „Frankfurt ist die Folie, auf die ich fast alles, was ich erzähle, projiziere“, sagt Mosebach. Meist ist es das Frankfurt des „Westend“ – so der Titel eines weiteren Romans –, jenes bürgerlichen Viertels mit Buchsbäumen in den Vorgärten, Porzellanfiguren auf den Vertikos und Van Goghs Sonnenblumen an der Zimmerwand. „Es gehört zu meinem besonderen Verhältnis zu meiner Geburtsstadt Frankfurt am Main“, sagt Mosebach, „dass ich sie als eine der verdorbensten und hässlichsten Städte Deutschlands erlebe und in meiner Phantasie und meinem inneren Bild von der Stadt an sie als eine der schönsten Städte denke, die ich kenne.“ In Frankfurt ist Mosebach 1951 geboren worden, er ist hier zur Schule gegangen und hat hier auch studiert.

Der wahre Grund, warum Mosebach bevorzugt und vorzüglich über Frankfurt und Umgebung schreibt, ist ein rein handwerklicher: er kennt sich da bestens aus und erspart sich aufwendige und kostspielige Recherchearbeit an anderen Orten. Das hätte er sich auch lange Zeit nicht leisten können: Der aus gutbürgerlichen Ver-hältnissen stammende Schriftsteller konnte von dem, was die Bücher einbrachten, nicht leben. Nach heutigen Gesichtspunkten war er viele Jahre seines Schriftstellerlebens ein Fall für Hartz IV. Trotz der gedanklichen Originalität und der sprachlichen Brillanz, die seine Bücher auszeichnen, wurde Mosebach von der Kritik nicht wahrgenommen. „Es war so, als hätte es eine geheime Absprache gegeben, mich einfach zu ignorieren“, sagt Mosebach. „Das ist viel schlimmer als saftige Verrisse.“

Er war also auf Redakteure angewiesen, die seine Feuilletons in Zeitungen abdruckten oder im Hörfunk sendeten. Kleine Betrachtungen über Gott und die Welt, die in HörZu erschienen und gut honoriert wurden, ermöglichten ihm seinen zweiten Roman „Westend“ in Angriff zu nehmen, den er in wesentlichen Teilen auf Capri schrieb, wo ein „mäzenatisches Ehepaar“ für ihn eine Wohnung gemietet hatte.

Zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn sah es also ganz so aus, als würde er sich zu den versponnenen, nach den Maßstäben der Leistungsgesellschaft erfolglosen Gestalten gesellen, die die kräfteschonende Kapitulation dem heroischen Lebenskampf vorziehen.

Zur eher lethargisch-passiven Lebensauffassung Mosebachs hat sicher auch ein längerer Sanatoriumsaufenthalt in der Nähe Frankfurts beigetragen, den eine Wurzelentzündung der Gehirnnerven erzwang. Mosebach ertrug ihn „in stoischem Gleichmut“, lesend und nachdenkend. Gedankenfrüchte dieser Zeit schlugen sich in polemischen kulturkritischen Äußerungen über den Verlust des Schönheitssinns, zivilisierter Umgangsformen und ähnliche Verstöße gegen herkömmliche Ordnungen und Gesittungsmaximen nieder.

Seine Fähigkeit, scheinbar Bagatellhaftes und Alltägliches, wie neue Fernseh-moden oder andersartige Lesegewohnheiten, als negative „Epochenumbrüche“ wahr-zunehmen, verbunden mit seinem Bekenntnis als „einziger deutscher Schriftsteller die 68er-Stituation mit äußerster Reserviertheit betrachtet, wenn nicht gänzlich ignoriert“ zu haben, brachte ihn in den Geruch, ein verstockter Reaktionär oder wenigstens ein Verächter der Moderne zu sein. Zu Unrecht, wie der eher linke Kollege Klaus Modik in einer Mosebachs Bücher rezensierenden Betrachtung im Deutschlandfunk nachzuweisen suchte. Immerhin hat Mosebach mit seinen kulturkritischen und gelegentlich bissigen Einsprüchen gegen die Auswüchse unserer libertinären Gesellschaft auch die Literaturkritik aus ihrem Stillschweigen heraus und dazu gebracht, sich mit seinem Werk ernsthaft zu beschäftigen.

Jens Jessen, der Kulturchef der „Zeit“ beispielsweise, erblickte in den kühl-analytischen Beschreibungen des urbanen Spätbürgers Mosebach eine „detailbesessene, über jeden zeitgenössischen Unfug geradezu entzückte Beschreibung unserer Gegenwart.“ „Sozialer Fortschritt, Emanzipation, Technik, Aufklärung, Wissenschaft – an nichts von alledem, woraus die Moderne ihr Überlegenheitsgefühl gegenüber der Vergangenheit bezieht, glaubt Mosebach, urteilte Jessen.. Naheliegenderweise glaubt er auch an keine Überlegenheit des Westens über die Dritte Welt, insonderheit nicht über die alten welkenden Hochkulturen des Orients.“

Ist also Mosebach auf linke Weise rechts oder womöglich auf rechte Weise links? Wahr ist, dass er mit seinen polemischen Ansichten, beispielsweise der Trauer um eine aller Tradition entleertn Gesellschaft, dem Entsetzen über den gewalttätigen Zugriff auf das urbane Erbe der Architektur und Natur, ja selbst der Klage über den Verlust „der schönen alten Liturgie der katholischen Kirche“, längst großen Zuspruch findet.

Mit einigem intellektuellen Aufwand und einer gewaltigen Streitschrift hat der bekennende Katholik Mosebach gegen die vom Zweiten Vatikanischen Konzil verfügte Liturgiereform Front gemacht. In der „Häresie der Formlosigkeit“ redet er den mächtigen und einflussgebietenden Klerikern in Rom und Fulda ins Gewissen; er beklagt nicht nur den Verlust der lateinischen Gebetstexte von großer stilistischer Prägnanz, er will auch, dass der Priester am Altar wieder mit dem Rücken zur Gemeinde steht, und nicht „wie ein Verkäufer an einer Theke“. Mit begnadeter Spöttelei hält er der klerikalen Hierarchie vor, dass sie eine „Selbstverstümmelung“ des Katholischen betreibe, bei der „ein Jesus herauskommt, der Ehrenmitglied der SPD hätte sein können, frauenfreundlich wie Willy Brandt“.

Einiges von dem, was Mosebach in seinem Buch „Häresie der Formlosigkeit“ anprangert, hat Papst Johannes Paul II. in einer im Frühjahr 2003 veröffentlichten Enzyklika zurückgenommen. Mosebachs engagierte Schrift jedenfalls scheint eine so beträchtliche Resonanz gehabt zu haben, das die FAZ eine Rezension des päpstlichen Sendschreibens mit dem Satz „Hat der Papst dem Romancier Mosebach nun recht gegeben oder nicht?“ begann.

Offensichtlich nicht. Denn Mosebach organisiert sich seine Messfeier im alten Ritus selbst. Mittwochs lädt er in die von Athos-Mönchen ausgemalte Frankfurter Orthodoxe Kirche ein, um mit einer kleinen Gemeinde von Gleichgesinnten und einem im „gehorsamen Ungehorsam“ unbeugbaren Priester das alte Opfer zu begehen. Den Sonntagsgottesdienst hat der Bischof wegen eines möglichen größeren Zulaufs verboten.

Hier hat er wohl auch seinem Gott gedankt, als er die Nachricht erhielt, dass er im November dieses Jahres mit dem Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet werde. Es ist der wichtigste Literaturpreis, den Deutschland zu vergeben hat und es ist auch der bedeutendste der acht Preise, die Mosebach schon erhalten hat. Eines hat er damit erreicht: Die seriöse Kritik - die linke wie rechte - hat ihn, verspätet zwar, als „wesentlichen Bestandteil unserer Literatur“ akzeptiert. Damit verbindet er die Zukunftshoffnung, dass er nun bald vom Ertrag seiner Romane leben könne. Bislang bedarf es noch des existenzsichernden Zubrots von Zeitungs-Artikeln, Filmdrehbüchern und Festschriften.