Dokumentation
Der Regisseur Jürgen Flimm
arte, Samstag, 18. April 2009, 17:20 Uhr
Autor: Felix Schmidt
Kamera: Uli Fischer
Er ist die Galionsfigur des deutschen Theaters und ist immer, wie zufällig, zur Stelle, wenn etwas Großes oder etwas Neues zu bewegen ist. Dabei ist Jürgen Flimm (66) nur mäßig ehrgeizig, denn übersteigerter Ehrgeiz lässt sein etwas phlegmatisches Naturell nicht zu. Er drängt sich nicht nach Posten, jagt der Macht und dem Geld nicht hinterher. Das hat er auch nicht mehr nötig, denn er ist eine Institution geworden, an der man nicht vorbeikommt, wenn Positionen im Kulturbetrieb zu besetzen sind. Er ist der gesuchte Ratgeber und manchmal auch der Interessent in eigener Sache.
Man hat ihn, ein populäres Beispiel bemühend und auf seinen engen Freund Otto Rehhagel anspielend, mit einem Fußballstar verglichen, der sich im Mittelfeld nur dezent anzubieten braucht, um dann die Bälle von allen Seiten zugeschoben zu bekommen. Und da Flimm die Bälle bisher meist in spektakuläre Treffer verwandeln konnte, ist er immer in der vordersten Reihe, wenn Ämter und Aufträge vergeben werden, hat er immer mehr zu tun, « als ihm lieb ist », wie er betont. Das ist auch der Grund dafür, dass man vom « Phänomen Flimm » spricht, wenn man all die Personen, Orte und Ämter aufzählt, die in der Arbeit des Theatermachers von Bedeutung sind. Ein Kritiker hat um die Flimmschen Freundschaftszentren auf einem Messblatt einmal Kreise gezogen und sie mit Linien verbunden. Heraus kam ein engmaschiges Beziehungsgeflecht, einem « Häkeldeckchen » vergleichbar.
Eine bedeutsame Station, wenn nicht gar die wichtigste in diesem Netz, war gewiss das Hamburger Thalia-Theater, das Flimm fünfzehn Jahre lang als Intendant geleitet hat und das er zum künstlerisch und wirtschaftlich erfolgreichsten Sprechtheater Deutschlands machte. Klaus von Dohnnanyi, der damalige Bürgermeister von Hamburg, rühmt Flimms Fähigkeiten: Er verstand es mit künstlerisch-anspruchsvollen Stücken und Inszenierungen das Haus zu füllen. Das hat ihm bisher keiner nachgemacht. In der Hamburger Zeit, die Flimm als eine « sehr kreative Epoche » seines umtriebigen Lebens bezeichnet, sind einige der bedeutendsten seiner etwa 100 Inszenierungen entstanden. Beispielsweise Tschechows « Onkel Wanja », Ibsens « Peer Gynt », Shakespeares « Hamlet » und « King Lear ». Als Flimm das Thalia Theater 1974 verließ – den Hamburger Wohnsitz hat er immer beibehalten– wollte er ein « freies, von administrativen Fängen und Fallen » losgelöstes Leben als Regisseur führen.
Das glückte ihm auch fürs Erste, und es glückte ihm noch etwas anderes. Er machte sich einen Namen als Opernregisseur. Das fiel umso leichter, als er im prominenten und erstklassigen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt einen gleichgestimmten und ebenso eigenwilligen Partner fand, mit dem er im Verlauf der Jahre unter anderem einen vielbeachteten Zyklus mit Mozart-Opern herausbrachte. Ob Flimm nun Oper oder Schauspiel inszeniert - er verfällt kaum einmal dem modischen Trend der Profanisierung und Politisierung der Stoffe. Er kommt ohne Nackte, ohne rote Fahnen und ohne SS-Stiefel aus. « Er dreht die Werke nicht wie ein großes, unergründliches Rätsel in der Hand, sondern macht sie einfach mit der geübten Hand eines findigen Handwerkers », urteilte die « Zeit ». Den Spott, der da mitschwingt, kann Flimm seit langem nicht mehr beeindrucken. Er ist es gewohnt, von der Kritik « ein paar hinter die Löffel » zu bekommen. Er sagt: »Das ist wie ein Fluss. Auf der einen Seite stehen die Kritiker, auf der anderen Seite das Publikum und dazwischen rauscht es. Daran gewöhnt man sich, wenn man solange dabei ist wie ich ».
Keine Frage also, dass Flimm immer auf der Seite des Publikums steht. Er zählt jedenfalls nicht zu den Kunstquälgeistern des Regie-Theaters. Das hat er längst hinter sich. Darin ist er ein Seelenverwandter des hochberühmten Regie-Routiniers August Everding, dessen Nachfolge als Präsident des Bühnenvereins er einst angetreten hat. Flimm richtet trotz aller aktuellen Bezüge seine Inszenierung, weder das Schauspiel noch die Oper, als politisches Gesellschaftsmodell her. « Der Gesellschaftsbegriff » sagt Flimm, « taugt heute nichts mehr ». Das heißt aber nicht, dass der einstige APO-Unterstützer und SPD-Sympathisant (er ist der Partei mehrfach bei- und aus ihr wieder ausgetreten) in der Politik nicht mitmischt. In seiner engmaschigen Beziehungsspinnwebe finden sich auch hochrangige Politiker, die bei Flimm dann und wann Rat suchen. So auch der ehemalige Bundeskanzler und Freund der Künste Gerhard Schröder. Flimm legt « größten Wert » darauf, dass die Idee, ein Kulturstaatsministerium einzurichten, « von Flimm stammt ». Der Aufforderung, das Amt auch zu übernehmen, wollte er jedoch nicht nachkommen: »Das Polit-Getue hat mich nie interessiert, und außerdem hatte ich andere Pläne ». Als er nämlich an den großen Bühnen der New Yorker Metropolitan Opera, der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, der Berliner Oper unter den Linden und der Bayreuther Festspiele, diesen Bastionen konservativer Programmgestaltung, durch war, nahm er ein Angebot aus Nordrhein-Westfalen an und wurde Leiter der auf experimentelles Theater geeichten RuhrTriennale.
Bei Flimm, dem stets gutgelaunten Theatermann mit dem ausgeglichenen und ausgleichenden Wesen geht auf wundersamer Weise alles mit allem zusammen. So hat es die Theater-Welt nicht mehr verwundert, als er im Herbst seines Lebens seiner Karriere noch ein Glanzlicht aufsetzte. Er ließ sich zum Direktor der Salzburger Festspiele krönen. Auf ihn, den Mann der künstlerischen und politischen Mitte, konnten sich die Salzburger Roten und die Wiener Schwarzen rasch einigen, zumal er als Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele einiges auf die Bühne gebracht hatte, was als « sehenswert » eingestuft worden war. Seither ist er auch mit dem österreichischen Schlawinertum aufs Beste vertraut. Es störte niemanden, dass Flimm während seines Intendanten-Debüts auch noch seinen Dienst als Chef der RuhrTriennale versah.
Aus der Phase der Kritisierbarkeit ist er herausgewachsen und er kann sowohl an der Ruhr als auch an der Salzach beachtliche Erfolge vermelden. Im Jahre 2007, dem ersten Flimm-Jahr der Festspiele, konnte Salzburg mit Flimms Kunst das beste Ergebnis der Geschichte erwirtschaften.