Das Philosophische Quartett

Wie deutsch soll Deutschland sein?

ZDF, Sonntag, 28. Oktober 2007, 12:10 Uhr

Phoenix, Sonntag 4. November 2007, 13.00 Uhr

Gäste:
Maxim Biller, Schriftsteller
Necla Kelek, Sozialforscherin



Das Problem der Einwanderung von Ausländern in Deutschland ist in zweifacher Hinsicht eine Schicksalsfrage der Nation. An der nur zäh vorankommenden Integration ist nicht nur der über lange Zeit konzeptionslose Umgang mit den sogenannten Gastarbeitern schuld und die Annahme, dass sich Integration über Jahre automatisch ergeben werde. Hinderlich für eine Einwanderungsgesellschaft ist auch, dass wir Deutsche uns nur schwer zu einem Selbstgefühl durchringen können. „Das ist aber“, so Peter Sloterdijk, „Voraussetzung dafür, Menschen aus anderen Kulturkreisen zu integrieren“. Deutschland hat allmählich Abschied genommen von „Multikulti“, das sich zunehmend als Lebenslüge und unbrauchbares, klassenloses Utopia erwiesen hat. Viele Bürger registrieren mit Skepsis den stillen Vormarsch des Islam in unserem Land. 15,3 Millionen Ausländer – in der Mehrheit Türken – leben unter uns. Ihre Integration in unseren Staat ist die zentrale Herausforderung der Gesellschaft.

Warum tun sich die Deutschen so schwer mit der Integration? Warum ist immer noch das Gefühl unterentwickelt, dass Einwanderer eine Bereicherung unserer Gesellschaft sein können? Darüber diskutieren im „Philosophischen Quartett“ die Moderatoren Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit zwei Zuwanderern: der Sozialwissenschaftlerin und prominenten Frauenrechtlerin Necla Kelek, die in der Türkei geboren wurde, sowie dem Schriftsteller Maxim Biller, der in einer jüdischen Familie in Prag aufwuchs.

Der soziale Konfliktstoff lässt sich leicht an ein paar beunruhigenden Fakten ablesen. Die Sozialhilfequote bei den Deutschen liegt bei etwa 2,5 Prozent, bei den in Deutschland lebenden Ausländern hingegen bei rund 9 Prozent. Und: bei den 15- bis 29jährigen Deutschen sind derzeit etwa 8 Prozent ohne Ausbildung, bei den ausländischen Jugendlichen jedoch rund 30 Prozent. Bei einem derartigen Missverhältnis darf eine Hochrechnung durchaus als alarmierend empfunden werden, der zufolge im Jahre 2015 der Ausländeranteil unter den Jugendlichen in deutschen Großstädten 50 Prozent ausmachen wird. Viel zu lange hat es die Bundesrepublik versäumt, aktiv die Bildungschancen der Migranten zu fördern, um damit überhaupt eine erfolgreiche Integration zu ermöglichen.

Trotz der spürbaren Anstrengung der Regierung, den Migrantinnen und Migranten mit Hilfsprogrammen und Dialog-Angeboten die Aufnahme zu erleichtern, will die wechselseitige Annäherung von Mehrheitsgesellschaft und Migranten nicht glücken. Der Prozess der Absonderung hat zu Ghettobildung und Parallelgesellschaften geführt; das Kopftuch ist eines der bewusst gesetzten Abgrenzungssymbole, so Peter Sloterdijk. Viele Zuwanderer tun sich schwer, die deutsche Sprache zu erlernen. Dabei ist erwiesen, dass Sprachkenntnisse stärker als alles andere für die Integration ausschlaggebend sind. Sicher ist jedenfalls, dass der Wunsch, die deutsche Sprache zu erlernen, ein Beweis für die Integrationsfähigkeit ist. So lässt sich auch der mit einer heftigen Diskussion begleitete Moschee-Bau in Köln interpretieren. Als Integrationsanstrengung und als hoffnungsvolle Aussage der Eingewanderten: Wir wollen sesshaft werden!

Das nächste „Philosophische Quartett“ präsentiert das ZDF am Sonntag, dem 25. November 2007. Mehr Informationen unter: www.zdf.de

Die Gäste:
Maxim Biller, 1960 als Sohn aus Russland stammender jüdischer Eltern in Prag geboren, emigrierte 1970 mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Neuere Deutsche Literatur, Geschichte und Philosophie in Hamburg und München; besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und war anschließend für verschiedene Tageszeitungen journalistisch tätig. Bekannt wurde Biller durch seine Kolumne im Zeitgeistmagazin „Tempo“ „Hundert Zeilen Hass“, in der er gegen Kulturbetrieb, etablierten Journalismus und die deutsche Befindlichkeit polemisierte. Biller, der sich in seinen kompromisslosen Beiträgen u.a. für den SPIEGEL, DIE ZEIT und die FAZ schonungslos mit dem deutsch-jüdischen Verhältnis auseinander setzte, Ritualisierung der kollektiven Trauerarbeit und die Funktionalisierung des Holocaust anprangerte, sorgte mit seinem ersten, 1990 veröffentlichten Erzählband „Wenn ich einmal reich und tot bin“ , in dem es um deutsch-jüdische Beziehungen, um Verklemmungen, Leidenschaft, Schuld und Rache rankenden, mit schrillen Pointen ausgestatteten Erzählungen geht, für einige Überraschung. Die Süddeutsche Zeitung feierte daraufhin die „Wiederkehr der jüdischen Literatur“ in Deutschland, und den Autor selbst als „einen Geistesenkel Tucholskys“. Weitere Werke folgten, unter anderem die Romane „Die Tochter“ , den die FAZ als „einfühlsam und sprachmächtig“ lobte, und „Esra“, eine Liebesgeschichte, die wegen ihrer offenbar autobiografischen Nähe und dem daraus resultierende juristischen Gerangel einiges Aufsehen erlangte. Förderlich für Billers Ruf als Enfant terrible des Kulturbetriebes oder selbst ernannter „Hass-und-Moral-Amokmann“ war sein Auftreten 2000 bei einer Tagung der deutschen Literatur in Tutzing. Die von Biller persönlich eingeladenen 100 jungen Autoren wurden dann von ihm selbst wegen ihrer „Schlappschwanz-Literatur“, und „deprimierten Themenlosigkeit“ beschimpft.
Maxim Biller, der heute u.a. für „Cicero“ und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung als Kolumnist tätig ist, lebt in Berlin. Auf die Frage, ob er sich in Deutschland wohlfühle, antwortete er 2005: “Ich gehöre halt nicht hierher und das ärgert die Deutschen. Mich ärgert das auch, aber trotzdem werden wir immer zusammenbleiben. Ich erwarte keine Liebe von den Deutschen.“

Necla Kelek, geboren 1957 in Istanbul , lebt seit ihrem zwölften Lebensjahr in Deutschland. Nachdem die Eltern in der Türkei einem westlichen-säkularen Lebensstil gepflegt hatten, wandten sie sich in der neuen Heimat der Religion zu. Kelek, die zum Schutze ihrer Jungfräulichkeit und zur Wahrung der Familienehre nicht am Schulsport teilnehmen durfte, wurde wegen ihrer Eigenständigkeit von der Familie verstoßen. In Hamburg hat sie Volkswirtschaft und Soziologie studiert und zum Thema „Islam im Alltag“ 2002 ihre Promotion abgeschlossen. Ihr Ergebnis: dass die türkischen Schülerinnen und Schüler sich den Islam individuell aneigneten, ihn ihren Bedürfnissen anpassten und für ihre Identitätsbildung nutzten. Der Islam, so ihre Meinung damals, sei nicht Integrationshindernis, sondern eher gelebtes Beispiel kulturellen Wandels. Drei Jahre später, mit Erscheinen ihres Buches „Die fremde Braut“, kommt Kelek zu deutlich anderen Schlussforderungen: Türkische Tradition und islamische Religiosität könnten sehr wohl ein Hindernis für Integration sein. Die heftige Debatte über die arrangierten Ehen und Importbräute, die sie mit ihrem, von der Kritik durchweg positiv aufgenommenen Bestseller auslöste, brachte ihr vor allem den Unmut deutscher Migrationsforscher ein, die Kelek in einem Offenen Brief vor allem vorwarfen, mittlerweile unwissenschaftlich und verallgemeinernd zu arbeiten. In ihrer Antwort beschied Kelek ihren Kritikern, dass sie ungeachtet der realen Zustände in Deutschland, immer noch die Illusion der geglückten Integration muslimischer Migranten verträten. Kelek, eine gefragte Expertin zum Themenkreis der islamischen Kultur und ständiges Mitglied in der von der Bundesregierung berufenen Islam-Konferenz, plädiert heute für den umstrittenen Einbürgerungstest der baden-württembergischen Landesregierung und, gemeinsam mit Ralph Giordano, gegen den Bau einer Moschee in Köln-Ehrenfeld. Kelek begründet ihr Engagement mit ihren Erkenntnissen, dass in vielen Moscheen in Deutschland ein Islam praktiziert werde, der sich als Hindernis für die Integration erweise, und Kindern die Abgrenzung von der deutschen Gesellschaft lehre. Ein besonderes Augenmerk richtet Necla Kelek in ihren wissenschaftlichen Arbeiten auf die Rolle und Geschlechtsmuster der jungen Männer im Islam.

 

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