Das Philosophische Quartett
68 und die RAF – Eine romantische Affäre?
ZDF, Sonntag, 29. April 2007, 23:45 Uhr
3sat, Sonntag 13. Mai 2007, 13.30 Uhr
Gäste:
Matthias Matussek, SPIEGEL – Kulturchef
Volker Schlöndorff, Filmregisseur
Beruhigt lehnt sich die deutsche Gesellschaft zurück, es ist noch einmal gut gegangen: Bundespräsident Horst Köhler hat sich entschieden, den wegen vielfachen Mordes einsitzenden, ehemaligen RAF-Terroristen Christian Klar nicht zu begnadigen. Mit der Verweigerung des Gnadenerweises hat der Bundespräsident die Stimmung im größten Teil der deutschen Bevölkerung getroffen, die sich, Umfragen zufolge, bei einer Begnadigung in ihrem Gerechtigkeitsempfinden grob irritiert gesehen hätte. Nun scheint der Rechtsfrieden gewahrt, ein spätes Kapitel in der deutschen Justizgeschichte scheint abgeschlossen. Der unvermittelt auftauchende Schatten jener „bleiernen Zeit“ des Terrors, der sich genau 30 Jahre nach dem „Deutschen Herbst“ zeigte, scheint nun fast wieder verflogen.
Aber ist das wirklich so? Ist die deutsche Gesellschaft nicht immer noch befangen in der Aufarbeitung des Symboljahres 1968, auf das sich auch die RAF bezog? Von Vielen wird `68 als Zeitenbruch, als Epochenwende empfunden. Als neue Wertesetzung der Generation der Achtundsechziger, deren radikalster Auswuchs die versprengten Mitglieder der RAF und anderer Terrorgruppen waren.
Darüber diskutieren zum 40. Jahrestag der Erschießung des Berliner Studenten Benno Ohnesorg, dessen Tod am 2.Juni 1967 zum Fanal des gewaltbereiten studentischen Protestes wurde, Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit dem Filmregisseur Volker Schlöndorff und dem „Spiegel“-Kulturchef Matthias Matussek. Schlöndorff, 1939 geboren, hat mit Filmen wie „Deutschland im Herbst“ oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ Position bezogen. Für Matussek, Jahrgang 1954, Verkünder eines neuen deutschen Patriotismus und Angehöriger einer jüngeren Generation, haben die achtundsechziger Phänomene weitgehend historische Aspekte.
Noch immer ist die Bedeutung der `68er-Bewegung umstritten, obwohl deutliche Spuren ihrer Wirkung in der gesellschaftlichen Wirklichkeit auch des wiedervereinigten Landes deutlich sind. Für welche grundlegenden Veränderungen wird `68 nicht verantwortlich gemacht? Einerseits für den Verfall der Familie, für das Verschwinden guter Manieren, den Erziehungsnotstand, die Lockerung der Sexualmoral, Ichbezogenheit und Hedonismus. Andererseits gilt `68 als Ende der Nachkriegszeit, als Befreiung, als Zeichen des Versuchs, mehr Demokratie zu wagen, als Beginn des umweltkritischen Bewusstseins, als Durchbruch der Popkultur.
War aber die `68er-Bewegung wirklich Akteur dieser Veränderungen oder nur deren Symptom? Die damaligen Visionen und Utopien, ob töricht oder nicht, sprechen auch für eine Jugendbewegung mit großem romantischen Überschuss, so Safranski und Sloterdijk. Ist nach der Jugendbewegung um 1900, nach der NS-Herrschaft, die in ihren Anfängen auch eine Jugendbewegung war, das Aufbegehren der Achtundsechziger als der einstweilen letzte höchst ambivalente jugendliche Aufbruch in der westlichen Welt zu verstehen?
Das nächste „Philosophische Quartett“ präsentiert das ZDF am Sonntag, dem 30. September 2007. Mehr Informationen unter www.zdf.de
Die Gäste:
Matthias Matussek, 1954 in Münster/Westf. geboren, ist einer der auffälligsten Kulturjournalisten in Deutschland. Nach einem Studium der Amerikanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der FU Berlin und ersten journalistischen Tätigkeiten beim Berliner „Abend“, dem Szenemagazin „Tip“ und dem „Stern“ ist er heute Ressortleiter Kultur beim Hamburger Wochenmagazin „Der Spiegel“. Vom Fall der Berliner Mauer bis zum Tag der deutschen Einheit berichtete er als Sonder-Korrespondent des „Spiegel“ aus Ost-Berlin; für seine überaus packenden Reportagen wurde er 1991 mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Vor seiner Rückkehr in die „Spiegel“-Zentrale im Herbst 2005, mit der er die Leitung des Kulturressorts übernahm, war er Korrespondent des Nachrichtenmagazins in London, hatte zuvor die Büros der Zeitschrift in New York und Rio de Janeiro geleitet und aus den Vereinigten Staaten wie aus Brasilien eine Fülle großer Interviews und Geschichten über seine Begegnungen mit ungewöhnlichen, bedeutenden Zeitgenossen geschrieben. In dieser Zeit hielt Matussek auch Gastvorträge an amerikanischen Universitäten und schrieb Kolumnen für US-Zeitungen.
Auch als Buchautor ist der Journalist prominent hervorgetreten. Vor allem hier und in zahlreichen Auftritten im deutschen Fernsehen hat er seine Lust an und sein Talent zu gesellschaftlicher Provokation entfaltet. Während sein Reportagenband „Palasthotel Zimmer 6101. Reporter im rasenden Deutschland“ (1992), der mit ungewöhnlichen Einblicken das turbulente Leben im Ost-Berlin der Wendezeit schildert, brachte er 1998 mit seiner Polemik „Die vaterlose Gesellschaft. Überfällige Anmerkungen zum Geschlechterkampf“ die deutschen Feministinnen gegen sich auf, eine bis heute unversöhnte Beziehung. Aber auch sein 2006 publizierter Band „Wir Deutschen. Warum die anderen uns gern haben können.“, in dem er so vehement wie erfolgreich zu einem neuen selbstbewussten Patriotismus aufruft, führte sofort zu einer von allen Seiten polemisch und wütig geführten öffentlichen Auseinandersetzung.
Dass Matussek aber nicht nur die Kunst der intelligenten Provokation beherrscht, sondern auch ein präziser Beobachter und sensibler, einfühlender und sprachmächtiger Schilderer von Menschen und Landschaften ist, hat er in Reisereportagen wie „Im magischen Dickicht des Regenwaldes“ (2005) gezeigt.
Volker Schlöndorff, 1939 als Sohn eines Arztes in Wiesbaden geboren, ist einer der bedeutendsten deutschen Filmregisseure, ein Meister des unterhaltenden Erzählkinos mit inhaltlichem Tiefgang. Weltruhm erlangte er 1979, als er für die „Blechtrommel“ (nach dem Roman von Günter Grass) die „Goldene Palme“ in Cannes und kurz darauf in Hollywood den „Oscar“ gewann. Schon 1966 hatte Schlöndorff, der zehn Jahre zuvor als nationaler Jahrgangsbester sein französisches Abiturzeugnis aus der Hand des Staatspräsidenten Coty entgegennehmen durfte, in Cannes reüssiert, als er für die Robert Musil-Verfilmung „Der junge Törless“ den Preis der internationalen Filmkritik errang.
Bei wechselndem Publikumserfolg, aber mit stets höchster Ambition und meist großen Besetzungen realisierte er in der Folge zahlreiche Filme nach literarischen Vorlagen wie „Der Fangschuss“ (1976 nach Marguerite Yourcenar), „Krieg und Frieden (1983, Tolstoi), „Eine Liebe von Swann“ (1984, Proust), „Der Tod des Handlungsreisenden“ (1985, Arthur Miller), „Homo Faber“ (1991, Max Frisch) oder „Der Unhold“ (1996, nach dem Roman „Der Erlkönig“ von Michel Tournier). Dazu kamen und kommen natürlich viele andere Filme nach zum Teil eigenen Stoffen.
Sein letztes Werk „Straijk“ hatte soeben Premiere; es erzählt die fesselnde Vorgeschichte der Solidarnosc-Gründung auf der Danziger Lenin-Werft. Im Juni wird er in Cannes vertreten sein mit einer ihm zu Ehren veranstalteten Aufführung seines gerade in Kasachstan abgedrehten Films „Ulzan“.
Schlöndorff hat auch Opern inszeniert sowie als Produzent, als Drehbuchautor und als Geschäftsführer der ehemaligen UFA / DEFA-Studios in Babelsberg erfolgreich gewirkt.
Mit dem RAF-Komplex hat sich der Regisseur sehr engagiert in den Filmen „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975, nach Heinrich Böll), „Deutschland im Herbst“ (1978, gemeinsam mit anderen Filmemachern) und noch einmal in „Die Stille nach dem Schuss“ (2000) auseinandergesetzt.