Das Philosophische Quartett
Vom Nutzen und Nachteil guter Manieren
ZDF, Sonntag, 29. April 2007, 23:45 Uhr
3sat, Sonntag 13. Mai 2007, 13.30 Uhr
Gäste:
Prof. Dr. Fritz J. Raddatz, Essayist und Schriftsteller
Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate, Unternehmensberater und Schriftsteller
Küss die Hand! Kompliment! Bitte nach Ihnen! Darf ich Ihnen weiterhelfen? – Offenbaren sich in solchen Floskeln schon Geheimnisse der guten Manieren, erkennt man in ihnen schon Zeichen eines geschmeidigen Umgangs mit Menschen? Weiß da einer, “was sich gehört“? Ob uns der Freiherr von Knigge, die einstige Bonner Protokollchefin Erika v. Pappritz oder der Deutsche Tanzlehrerverband mit seinen Verlautbarungen zum „guten Ton“ da weiterhelfen können oder ob Manieren zur bloßen Etikette werden, ist durchaus umstritten.
Gute Manieren – wozu können, wozu sollen sie heute noch und überhaupt taugen? Sind sie ein Verhaltenskorsett, das die Entfaltung des Individuums einengt oder, im Gegenteil, eine Vereinbarung, die den Menschen erst zum gesellschaftlichen Wesen macht? Helfen Anstandsregeln, den zivilen Umgang der Menschen untereinander flexibel zu machen, können sie den gesellschaftlichen Verkehr lenken wie die Straßenverkehrsordnung unsere öffentlichen Bewegungen? Und was bedeuten und bewirken dann offenkundige Verletzungen dieser Übereinkünfte?
Vom Nutzen und Nachteil guter Manieren: die Diskussion mit Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski bereichern zwei Experten, die sich der Dialektik des Themas zwischen Wohltat und Provokation wohl bewusst sind: der Essayist und Schriftsteller Fritz J. Raddatz und Asfa-Wossen Asserate, ein kaiserlicher Prinz aus dem einstigen äthiopischen Herrscherhaus, der ein höchst geistvolles Buch zum Thema veröffentlicht hat, das bei uns zum Bestseller wurde und die Manieren wieder zum Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit machte.
"Wo die guten Sitten aufhören", so lehrt Machiavelli, "müssen die Gesetze anfangen". Da gäbe es heute wohl Handlungsbedarf. Denn gute Manieren und Respekt füreinander gibt es, so eine These von Sloterdijk und Safranski, nur, wo der öffentliche Raum in Ansehen steht. Das scheint aber kaum mehr der Fall zu sein. Dort haben inzwischen Hemmungslosigkeit und schlechter Geschmack ein gutes Gewissen bekommen. Schlechte Zeiten für gute Manieren. Da aber der Mensch für den Menschen in der Regel zu den Umweltbelästigungen zählt, wird es in Zeiten zunehmender Populationsdichte zu einer Überlebensfrage, ob Manieren und Höflichkeit wieder eine Chance bekommen.
Das nächste "Philosophische Quartett" präsentiert das ZDF am Sonntag, dem 3. Juni 2007. Mehr Informationen unter www.zdf.de
Die Gäste:
Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate, der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassi, wurde 1948 in Addis Abeba geboren. Nach der Revolution von 1974, der viele seiner Familienmitglieder zum Opfer fielen, ließ er sich in Deutschland nieder. In Tübingen und Cambridge hat er Jura und Geschichte studiert und in Frankfurt a. M. promoviert. Er war als Journalist und als Pressechef der Düsseldorfer Messegesellschaft tätig und arbeitet heute als Unternehmensberater in Frankfurt. Intensiv engagiert sich Prinz Asserate zudem für seine äthiopische Heimat. Für sein Buch "Manieren" (2003), das zu einem Bestseller wurde, erhielt er den Adelbert-von-Chamisso-Preis 2004. Soeben erschien seine Autobiografie "Ein Prinz aus dem Hause David. Und warum er in Deutschland blieb." (2007)
Prof. Dr. Fritz J. Raddatz,1931 in Berlin geboren, war zunächst Leiter der Auslandsabteilung und stellvertretender Cheflektor beim Verlag "Volk und Welt" in Ost-Berlin. Nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik war er in den 1960er Jahren stellvertretender Leiter des Rowohlt-Verlages und von 1960 bis 1969 Cheflektor, von 1977 bis 1985 Feuilletonchef der ZEIT. Er gilt als einer der einflussreichsten deutschen Literaturkritiker und legte eine Vielzahl von Essays, Romanen und Biographien vor. 2003 erregte er Aufsehen mit seinen Memoiren "Unruhestifter", in denen er die Protagonisten des kulturellen Lebens der Bundesrepublik Revue passieren lässt. Zuletzt erschien von ihm die Romantrilogie "Eine Erziehung in Deutschland" und der Essayband "Schreiben heißt sein Herz waschen" (beide 2006).