Das Philosophische Quartett

In Gottes Namen: Religion im Dienst der Politik

ZDF, Sonntag, 25. Februar 2007, 23:40 Uhr

Gäste:
Dr. Antje Vollmer, Theologin und Politikerin
Prof. Dr. Dr. Jan Assmann, Religions- und Kulturwissenschaftler



Als US-Präsident George W. Bush sich entschloss, dem Irak des Tyrannen Saddam Hussein den Krieg zu erklären, handelte er, wie er wissen ließ, auf Grund einer göttlichen Eingebung. Von Gott selbst wusste er sich zur Rettung des irakischen Volkes und der Demokratie in den Waffengang aufgerufen. Mit Gott Politik machen: Was einem Teil der Öffentlichkeit als plausible moralische und politische Legitimation durch allerhöchsten Willen erschien, galt den anderen als eine von Bigotterie geleitete theatralische Täuschung der Welt. Der amerikanische Präsident folgte einem ehrwürdig alten Muster. Denn seit der Antike ist die politische Theologie ein hartnäckiger Begleiter aller Reichsbildungen und politischen Umordnungen. Ihr immer wiederkehrendes Motiv besteht in dem Versuch, den Gott oder die Götter als Alliierte der irdischen Machthaber zu verpflichten. Das Jenseits soll die Erfolgsgeschichte der diesseitigen Macht beglaubigen und verlängern. Ein Phänomen, das heute zumeist in islamischen Ländern zu beobachten ist.

Darf man Gott für seine Politik einsetzen? Der Streit um die politische Theologie wurde von kritischen Theologen ausgelöst, die den Anspruch der Herrschenden, Gott auf ihrer Seite zu haben, leugnen. Sie wollen Gott höher ansetzen und ihn aus der Allianz mit konkreten imperialen Gebilden befreien – ob sie nun im alten Ägypten und im Mesopotamien Nebukadnezars liegen oder in den Vereinigten Staaten von heute. Darf Gott als Parteigänger eines bevorzugten Volkes oder Imperiums erklärt werden? Ist die politisch eingesetzte Religion Mittel der Unterdrückung oder gar Mittel zur Befreiung? Ist es ein Fortschritt, wenn Glaube und Politik getrennt werden? Oder lassen sich kulturelle Werte nur über den Glauben vermitteln?

Über diese Fragen diskutieren Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit der Politikerin und Theologin Antje Vollmer und dem Religions- und Kulturwissenschaftler Jan Assmann. Sie werden auch darüber sprechen, ob sich die politische Theologie zur Lösung politischer Probleme im Mittleren und Nahen Osten eignet.

Die Gäste im Philosophischen Quartett am 25.02.07:

Dr. Antje Vollmer wurde 1943 in Lübbecke /Westfalen geboren. Nach dem Abitur studierte sie Evangelische Theologie in Berlin, Heidelberg, Tübingen und Paris, schloss mit beiden theologischen Examen ab und wurde 1973 zum Dr. phil promoviert. Von 1971 bis 1974 wirkte sie als Pastorin in Berlin-Wedding, absolvierte zur selben Zeit ein Postgraduierten-Studium der Erwachsenenbildung. Nach dem Diplom (1975) begann sie ihre Tätigkeit als Dozentin an der Evangelischen Heimvolkshochschule in Bethel.

Seit 1985 ist Antje Vollmer Mitglied der Partei der "Grünen", deren erster Bundestagsfraktion sie schon 1983 angehörte, 1984 als Fraktionssprecherin. Auf Grund des damals bei den "Grünen" noch geltenden Rotationsprinzips schied sie 1985 aus dem Bundestag wieder aus, wurde aber 1987 wieder gewählt; 1989 bis 1990 war sie erneut Sprecherin der Fraktion. 1994 bis 2005, nachdem die Grünen bei der Wahl 1990 an der Fünfprozentklausel gescheitert waren, war sie wiederum MdB, über die gesamte Zeit als Vizepräsidentin des Bundestages. Zum derzeitigen Bundestag hat sie nicht mehr kandidiert und sich aus allen parteipolitischen Funktionen verabschiedet.

1989 erhielt sie den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken. In Artikeln, Essays und Büchern hat sie ein vielfältiges publizistisches Werk vorgelegt, zuletzt "Eingewandert ins eigene Land. Was von Rot-Grün bleibt" (2006).

Prof. Dr. Dr. Jan Assmann, 1938 geboren, hat sich als Ägyptologe, Religions- und Kulturwissenschaftler gleichermaßen höchste Anerkennung erworben. Assmann studierte Ägyptologie, Archäologie und Gräzistik in München, Heidelberg, Paris und Göttingen. Nach vier Jahren als Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft am Deutschen Archäologischen Institut in Kairo habilitierte er sich 1971 und war von 1976 bis zu seiner Emeritierung 2003 Professor für Ägyptologie in Heidelberg. Als Gräber erwarb er hohe Verdienste durch seine Feldarbeit in Theben-West. Immer wieder kam er Einladungen auf Gastprofessuren und in Fellowships an internationalen Instituten nach.

Einer breiteren gelehrten Öffentlichkeit wurde er bekannt durch seine bahn-brechenden Forschungen und Deutungen zum Entstehen des Monotheismus aus dem Geist der pharaonischen Religion, die, verhaftet im kulturellen Gedächtnis der frühen Juden, zur Entwicklung der drei großen monotheistischen Glaubensformen des Juden- und Christentums wie des Islam geführt habe. Untrennbar damit verbunden sieht Assmann die Entstehung eines absoluten Wahrheitsbegriffs und der Gewalt, in der intensive religiöse, kulturelle und politische Auseinandersetzungen geführt wurden und werden.

Assmann ist Mitglied zahlreicher deutscher, europäischer und außereuropäischer Akademien und Kuratorien, mehrfacher Ehrendoktor und Träger bedeutender Auszeichnungen wie dem Max-Planck-Forschungspreis (1996), dem Deutschen Historikerpreis (1989) und dem Alfried-Krupp-Wissenschaftspreis (2006). Sein publizistisches Werk umfasst allein mehr als hundert Buch-Nennungen; zuletzt erschienen unter anderem "Die Mosaische Unterscheidung oder Der Preis des Monotheismus" (2003), "Monotheismus und die Sprache der Gewalt" (2006) und "Thomas Mann und Ägypten" (2006).

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