Das Philosophische Quartett
Entlarvte Biographie - Über Intimität und Öffentlichkeit
ZDF, Sonntag, 19. Oktober 2003, 23:30 Uhr
3sat, 23. November 2003, 10.30 Uhr
Gäste:
Prof. Dr. Joachim Fest, Historiker
Prof. Dr. Fritz J. Raddatz, Publizist
Ob Willy Brandt oder John F. Kennedy, Ole Beust im Hamburger Rathaus oder Jörg Immendorf im Atelier - nichts fesselt die Öffentlichkeit mehr als das Privatleben ihrer Politiker, Künstler und Stars. Was macht den Sog aus, der uns in das Privatleben der öffentlichen Personen zieht? Was ist die Legitimität dieser Neugierde, wenn die Person zur öffentlichen Seele, zum öffentlichen Kranken, zum öffentlichen Pflegefall, zu einer Person mit öffentlichem Sexualleben wird? Welche Rolle spielt die Selbstdarstellung der Person in den Medien dabei, welche ihr Biograph?
In der neuen Ausgabe der ZDF-Sendung "Das Philosophische Quartett" gehen die Philosophen und Moderatoren Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski dem komplexen Zusammenhang zwischen Öffentlichkeit und Intimität nach. Dazu haben sie zwei Autoren in die Autostadt nach Wolfsburg eingeladen, die nicht nur selbst Personen des öffentlichen Lebens sind, sondern die auch außergewöhnliche (Auto-)Biographien vorgelegt haben: Der Historiker Joachim Fest und der Publizist Fritz J. Raddatz. Folgende Gesichtspunkte leiten das Gespräch:
1. Für die (mediale) Öffentlichkeit ist Intimität ein begehrter Rohstoff, vielfach verwendbar für Entlarvung, Voyeurismus, für die moralische Empörung, für die Unterhaltung, für den Skandal. Und umgekehrt: wer prominent werden will, drängt mit seiner Intimität in die öffentlichkeit. Exhibitionismus verschafft öffentlichen Seelen Standortvorteile. Das Lügentheater beginnt schon bei der sogenannten Glaubwürdigkeit: sie ist ein Effekt der Selbstinszenierung. Manche verwechseln sich mit der Rolle, die sie für die Öffentlichkeit spielen. Wer in die Öffentlichkeit geht, kann darin umkommen.
2. Der Charakter des Intimen hat sich geändert. Das Schlafzimmer ist inzwischen öffentlicher Raum. Die verborgenen Geheimnisse der Person muss man heute woanders suchen. Aber wo?
3. Wieviel Öffentlichkeit verträgt der Mensch? Was soll eigentlich geschützt werden beim Persönlichkeitsschutz? Wie ergeht es einem, der das Betriebsgeheimnis einer Person erkunden will?
4. Gibt es überhaupt eine "wahre" Biographie, eine "wahre" Autobiographie? Oder hatte Max Frisch recht, als er sagte: früher oder später erfindet sich jeder eine Geschichte, die er für sein Leben hält?