Das Philosophische Quartett

Die Gesundheitsfalle - Über die Herrschaft der Ärzte

ZDF, Sonntag, 21. September 2003, 23:30 Uhr

3sat, 28. September 2003, 10.30 Uhr

Gäste:
Andrea Fischer, Bundesgesundheitsministerin a.D.
Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, Arzt und Psychiater

Auf dem Höhepunkt der Debatte über die Gesundheitsreform wendet sich das "Philosophische Quartett" der deutschen Ärzteschaft zu.
Endlich ist es soweit: Das Gesetz zur Gesundheitsreform wird im Bundestag beraten. Schon in wenigen Monaten, so hofft die Regierung, könnte es in Kraft treten. Während die Parteien über Verteilung der Lasten und Umstrukturierung des Gesundheitswesens debattieren, häufen sich allerdings die Bedenken, dass unsere Vorstellung von Gesundheit selbst fehlgeleitet sein könnte. Ist das Gesundheitssystem selbst so angelegt, dass es mehrt, was es tilgen soll - die Schar der Patienten?

In der neuen Ausgabe der ZDF-Sendung Das Philosophische Quartett haben die Moderatoren Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski den Medizin-Kritiker und Arzt Klaus Dörner und die Gesundheitsministerin a.D. Andrea Fischer in das Forum der Autostadt nach Wolfsburg eingeladen. Gemeinsam mit ihnen gehen sie der Frage nach, ob unser Gesundheitssystem die Gesellschaft in eine Organisation von Hypochondern verwandelt.

Bestes Beispiel: Die Beschwörung immer neuer Krankheiten vom Sisi- bis zum Aging-Male-Syndrom durch Ärzteverbände und Pharma-Firmen. Die kurzatmige politische Diskussion über die Krise der Finanzierbarkeit unseres Gesundheitssystems soll jedoch in der philosophischen Runde nicht fortgesetzt werden. Vielmehr geht es darum, das Thema grundsätzlicher anzugehen.

Drei Gesichtspunkte strukturieren das Gespräch:

1. Das bürokratisch aufgeblähte, technische und hochspezialisierte Gesundheitssystem führt dazu, dass die Patienten Gesundheit als etwas sehen, das man kaufen kann. Sie fühlen sich selbst nicht zuständig für ihre Gesundheit. Es gibt einen dramatischen Kompetenzverlust auf Seiten der Patienten. Begünstigt wird auf der einen Seite eine hypochondrische überaufmerksamkeit ("der Gesunde ist ein Kranker, der nur noch nicht weiß, dass er krank ist") mit den dazugehörigen Ängsten, auf der anderen Seite das Konsumentenbewußtsein, das den Arzt und die Medikamente als Dienstleistung konsumiert.

2. Es scheint das Bewußtsein zu mangeln, dass Gesundheit ein ganzheitliches Phänomen ist, dass sie mit Lebensgewohnheiten, Lebensfreude und der richtigen Balance von Belastung und Entlastung zusammenhängt. Auf diesem Hintergrund hat Klaus Dörner die These aufgestellt, dass unser Gesundheitssystem die paradoxe Wirkung hat, die Vitalität nicht zu stärken, sondern zu schwächen.

3. Man sollte neu über das Vertrauens-und Verantwortungsverhältnis zwischen Arzt und Patienten nachdenken, über die Ausgrenzung und Ghettoisierung von Krankheit, Alter und Tod. Dem Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe sollte auch im Verhältnis zur Krankheit Geltung verschafft werden.

Das Philosophische Quartett