Das Philosophische Quartett

Die Deutschen und die Macht des Neides

ZDF, Sonntag, 25. Mai 2003, 23:30 Uhr

3sat, 1. Juni 2003, 10.30 Uhr

Gäste:
Dr. Klaus von Dohnany, ehem. Erster Bürgermeister von Hamburg
Dr. Heiner Geißler, Bundesminister a.D.



Düstere Konjunkturprognosen, Reformstreit, Finanzierungsnot: In Deutschland ist eine grundlegende Diskussion über den Sozialstaat entbrannt. Denn dem staatlichen Solidarsystem der deutschen Sozialversicherung droht der Kollaps: Die Einnahmen der gesetzlichen Krankenkassen können mit den steigenden Ausgaben im Gesundheitswesen nicht mehr Schritt halten; immer weniger Beitragszahler müssen immer mehr und immer älter werdende Rentner finanzieren. Eine Reformagenda soll Abhilfe schaffen, doch der Widerstand in der Gesellschaft ist groß.
Immer wieder taucht in der Diskussion auch das Wort von der Neidgesellschaft auf. Verbirgt sich unter dem Hinweis auf soziale Gerechtigkeit nur Neid, das verborgenste aller Gefühle?

In der neuen Folge des Philosophischen Quartetts gehen die beiden Philosophen und Gastgeber Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski dem Zusammenhang zwischen Neid und Gerechtigkeit nach. Dazu haben sie zwei Gäste eingeladen, die nicht nur maßgeblich die jüngere deutsche Innenpolitik geprägt haben, sondern stets auch für ihre Fähigkeit geschätzt wurden, politische Entscheidungen in einem größeren Zusammenhang zu sehen: Den ehemaligen Ersten Bürgermeister von Hamburg Klaus von Dohnanyi, und den Bundesminister a.D. Heiner Geißler.

Drei Thesen werden ihr Gespräch über "Die Deutschen und die Macht des Neides" leiten:

1. Der Neid ist ein verborgenes Gefühl, das "Schamteil unserer Seele" (Nietzsche). Deshalb bekennt sich keiner dazu, und deshalb wirkt er allgegenwärtig, und doch zumeist unerkannt und uneingestanden.

2. Der Marktmechanismus braucht den Neid und die daraus folgende Rivalität. Neid verbirgt sich auch hinter den Forderungen nach Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit. Und weil der Neid um so größer ist, je geringer die Unterschiede sind, ist die soziale Demokratie, wo die Lebensverhältnisse sich angleichen, ein guter Nährboden für den Neid. Beim gegenwärtigen Umbau der Sozialsysteme wird man deshalb auch mit der geballten Macht des Neides zu rechnen haben.

3. Neid wird nicht verschwinden. Es bleibt nichts anderes übrig, als das Beste daraus zu machen, ihn zu zivilisieren in Formen der gezähmten Rivalität, des produktiven Ehrgeizes.

Das Philosophische Quartett