Das Philosophische Quartett

Neuer Antisemitismus: Das Gespenst geht um

ZDF, Sonntag, 3. November 2002, 23:30 Uhr

3sat, 17. November 2002, 10.30 Uhr

Gäste:
Prof. Dr. Adolf Muschg, Schriftsteller
Luc Bondy, Theaterregisseur



In ihrer neuen Sendung gehen die beiden Philosophen Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski der Frage nach, in welcher Form Antisemitismus und Antisemitismusvorwurf den öffentlichen Diskurs in Deutschland beeinflussen.
Neuer Antisemitismus: Das Gespenst geht um"Neuer Antisemitismus: das Gespenst geht um" - ein schwieriges Thema, für das sich die beiden Moderatoren den Schriftsteller Adolf Muschg und den Theaterregisseur Luc Bondy in die Gläserne Manufaktur nach Dresden eingeladen haben. Gemeinsam mit ihnen wird es darum gehen, anhand von drei grundlegenden Thesen das Gesprächsthema einzukreisen. In seiner aktuellen Behandlungsart bezeugt das Thema Antisemitismus eine erhebliche Verschiebung der historischen Fronten zwischen jüdischen und deutschen Sensibilitäten. Seit einiger Zeit manifestiert sich nicht nur die gewohnte und berechtigte Empfindlichkeit der jüdischen Seite gegenüber falschen oder mißdeutbaren Tönen der deutschen; es affirmiert sich auch eine deutsche Empfindlichkeit gegenüber chronischen Unterstellungen von antijüdischen Aversionen bei Deutschen seitens jüdischer Interpreten. Man hat es phänomenologisch heute nur noch sehr selten mit manifestem Antisemitismus zu tun. Dennoch existiert er - in einem unoffenen und unklaren Modus. Dies führt zu einem Klima des Verdachts, in dem das suspekte Sujet nur als sichere Vermutung behauptet wird. Auch sein realer Umfang läßt sich in diesem Klima beliebig übertreiben. Antisemitismus heute ist per se gespenstisch, wiedergängerisch - oder nach einer Wendung von Robert Schindel "reptilisch": er kriecht hervor, wenn er kann und darf - und wird immer als etwas vorgestellt, was eingerollt in Löchern lebt. Die Seinsweise dieses "Antisemitismus" ist der unbeweisbare und unwiderlegbare Vorwurf. Der historische Antisemitismus wird heute überlagert von jüngeren Schichten antizionistischer, antiisraelischer oder israelkritischer Stimmen. Die Verwechslung dieser sehr verschiedenen Phänomene ist zum Teil durch historische Traumata, zum Teil strategisch motiviert. Es liegt im Interesse aller Parteien, miteinander eine möglichst offene, kritische, vielleicht sogar robuste Sprache in beiden Richtungen einzuüben, um die Gefahr der Erzeugung neuer Ressentiments zu bannen.

Das Philosophische Quartett