Das Philosophische Quartett
Angst - Warum es keine Sicherheit gibt
ZDF, Sonntag, 20. Januar 2002, 23:30 Uhr
3sat, 3. Februar 2002, 10.30 Uhr
Gäste:
Reinhold Messner, Extrembergsteiger
Friedrich Schorlemmer, Theologe und Träger des Deutschen Friedenspreises
Die Ereignisse des 11. September haben in den Wohlstandsgesellschaften der westlichen Welt die Grundgefühle der Angst hervorgeholt. Die Menschen mussten schmerzhaft erfahren, dass es keine Sicherheit gibt, der Mensch wirklich mitten im Leben vom Tod umgeben ist. Die Naherwartung der Katastrophe, die das Lebensgefühl im Zeitalter der atomaren Aufrüstung lange Zeit beherrschte, ist nach den Terroranschlägen von New York und Washington augenblicklich wiedergekehrt. Den Menschen wurde bewusst, dass die existentielle Bedrohung allgegenwärtig ist.
Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski diskutieren das Thema Angst, das die Philosophie des 20. Jahrhunderts wesentlich bestimmt, im Hinblick auf unsere gesellschaftliche und politische Alltagswirklichkeit. Eine ernstzunehmende Politik muss den Menschen sagen dürfen, dass das Leben gefährlich ist. "Wer vollkommene Sicherheit will, der muss sich seine Freiheit einschränken lassen. Pointiert gesprochen, könnte man sagen, dass es so viel Angst gibt, weil wir unser Leben ausschließlich unter Sicherheitsaspekten betrachten", sagt Rüdiger Safranski.
Mit dem Extrembergsteiger Reinhold Messner und dem Theologen und Träger des Deutschen Friedenspreises Friedrich Schorlemmer haben Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski zwei Gäste eingeladen, die ganz unterschiedlich mit dem Phänomen Angst umgehen. Reinhold Messner verkörpert einen existentiellen Extremismus. Als Vertreter eines modernen Abenteurertums sucht er die kalkulierte Angst. Ihn treibt die Sehnsucht nach dem Ernstfall. Er setzt sein irdisches Leben ein, um das Überirdische zu erleben. Friedrich Schorlemmer vertritt eine alte Form der Angstverarbeitungskultur. Die Religion gibt den Menschen mit ihren Heilsversprechen im Jenseits die Sicherheit, die das Leben selbst nicht leisten kann.
"Die moralische Folge einer Diskussion über Angst könnte womöglich sein, dass ein Denken in Generationen wieder erforderlich ist", sagt Peter Sloterdijk. Dies steht allerdings dem aktuellen Verständnis entgegen, dass wir uns als letzte Menschen begreifen. Aber auch "die letzten Menschen kommen nicht umhin, im Anblick letzter Dinge und letzter Naturen Schlüsse auf sich selbst zu ziehen", so Peter Sloterdijk. "Wir stehen vor der Aufgabe, aus der Masse der Letzten eine Gesellschaft von Individuen zu machen, die es auf sich nehmen, weiterhin Mittlere zu werden zwischen Vorfahren und Nachkommen." Wir müssen wieder lernen, auch existentiell bis drei zu zählen; nur so gelingt es den Menschen, einen Ausweg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu finden.