Das Philosophische Quartett
Imperien: Retter der Welt?
ZDF, Sonntag, 17. Februar 2008, 23:30 Uhr
Gäste:
Joschka Fischer
Prof. Dr. Herfried Münkler
Imperium – schon die bloße Nennung des Begriffs lässt so manchen Zeitgenossen erschauern. Zu dramatisch und düster erscheinen seine Konnotationen von imperialistischen Expansions- und Beutekriegen, von kolonialistischer Bedrückung und brutaler Ausbeutung, von Unterjochung und gnadenlosem Auslöschen ganzer Kulturen. Vom Imperium Romanum über das Spanische Weltreich und manch andere zieht sich eine blutige Spur durch die Geschichte bis zu den unendlichen Verheerungen durch totalitäre Regime wie die Nazi-Terrorherrschaft oder das Sowjet-Imperium mit den Stalinschen Mordschrecknissen. Selbst die Vereinigten Staaten sehen sich seit ihrem Vietnam-Desaster bis heute immer wieder ernsten Fragen nach der ethischen Legitimität ihrer Kriegspolitik gegenüber.
Aggression also – oder zivilisatorische Impulsgebung? Keinem Zweifel kann ja unterliegen, dass Europa beispielsweise ohne die expansionistischen Ziele des Römischen Reichs und die Durchdringung der eroberten Gebiete mit den Errungenschaften der römischen Hochkultur niemals hätte werden können, was es ist. Ebenso richtig ist, dass erst die Allianz zweier Imperien, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten, die Welt vom Nazi-Terror befreiten und die politische Klugheit der Amerikaner danach Westeuropa in eine Ära der Sicherheit und des Wohlstands versetzte, vor allem die Bundesrepublik Deutschland als verlässlichen freiheitlich-demokratischen Faktor in der Mitte des Kontinents zu installieren half.
Und heute? Nach der spektakulären Zeitenwende, dem Zerfall des kommunistischen Ostblocks, ist Russland dabei, sich seinen Anteil an der Bestimmung des Weltgeschicks neu zu erwerben, China hat sich geöffnet und spielt zunehmend die Rolle einer Weltmacht, die USA sind, trotz womöglich fragwürdiger militärischer Aktivität, das mächtigste Land der Erde. Imperien oder imperiale Gebilde - und über allen liegt die nicht fassbare, dunkle Drohung eines international verdeckt operierenden kriegerischen Terrorismus.
Indes haben in einer global vernetzten Welt nationale, gar nationalistische Bestrebungen kleiner oder mittlerer Mächte wohl so gut wie keine Möglichkeit mehr, sich strategisch zu Machtfaktoren aufzuschwingen. Die europäischen Nationen haben in einem langen und noch lange nicht beendeten Prozeß daraus Konsequenzen gezogen. Nun kommt alles darauf an, ob sich die Europäische Union als weltpolitischer Partner der großen Mächte kraftvoll und auf Augenhöhe in die Lösung der drängenden Fragen von Freiheitsgewinnung und –bewahrung, von Friedenssicherung und angemessener Verteilung der globalen Ressourcen einbringen kann.
Liegt also alle Hoffnung der Menschheit bei den Imperien? Sind sie die Retter der Welt? Darüber diskutieren Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit zwei ausgewiesenen Kennern der Materie: mit Joschka Fischer, dem Außenminister und Vizekanzler der Regierung Schröder, und dem Berliner Politologen und bedeutenden Imperien-Forscher Herfried Münkler.
Die Gäste:
Joschka Fischer, 1948 in Gerabronn/Baden-Württemberg als Sohn ungarndeutscher Eltern geboren, hat eine der erstaunlichsten politischen Karrieren in Deutschland gemacht. Vom Frankfurter Sponti-Straßenkämpfer zum Chef des Berliner Außenamts, vom hessischen „Turnschuh-Minister“ zum europäisch-atlantischen Vordenker: die ungewöhnliche biografische Spanne hat Fischer, der einst das Cannstatter Gymnasium vorzeitig ohne Abitur verließ und sich lange mit Gelegenheitsarbeiten durchschlug, mit hellwachem Intellekt, rastloser Lektüre der philosophischen und politischen Klassiker, immensem Fleiß und einem unwiderstehlichen Bedürfnis nach Teilhabe am politischen Prozeß bewältigt. Der noch umstrittene Jungstar der „Grünen“, der seine Partei auf marktwirtschaftlichen und realpolitischen Kurs brachte, bestand seine ersten politischen Herausforderungen als hessischer Landesminister für Umwelt und Energie (1985 – 1987); als Bundesaußenminister und Vizekanzler in zwei Regierungen Schröder (1998 – 2005), in der er die deutsche Beteiligung am völkerrechtlich umstrittenen Kosovo-Krieg bejahte, konnte er sich internationale Anerkennung und in Deutschland den Ruf des beliebtesten Politikers erwerben. Nach dem Ende seiner aktiven Politiker-Laufbahn hat Fischer ein Jahr an der amerikanischen Princeton University über Internationale Krisendiplomatie gelesen. Heute führt er in Berlin eine Consulting-Firma und ist Vorsitzender des Beirats des European Council on Foreign Relations, einem hochrangig besetzten, privat finanzierten Netzwerk für einen gemeinsamen strategischen und außenpolitischen Diskurs in Europa.
Fischer wurde vielfach ausgezeichnet, so mit den Ehrendoktorwürden der Universität Haifa (2002) und Tel Aviv (2006), dem Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Preis (2004) sowie dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland (2005).
Auch publizistisch hat Fischer rege Wirksamkeit entfaltet. Neben zahlreichen dezidiert politischen Schriften hat er auch Autobiografisches vorgelegt, so 2003 den Bestseller „Mein langer Lauf zu mir selbst“ und 2007 den ersten Band seiner Erinnerungen „Die Rot-Grünen Jahre“.
Prof. Dr. Herfried Münkler, geboren 1951 in Friedberg/Hessen, ist einer der profiliertesten Politologen Deutschlands. Seit 1992 lehrt er als Professor für Theorie der Politik am Fachbereich Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin politische Ideengeschichte.
Nach seiner Promotion (1981) über „Machiavelli und die Krise der Republik Florenz“ – ein Standardwerk bis heute – an der Goethe-Universität Frankfurt und seine Habilitation ebendort mit der Schrift „Staatsraison. Ein Leitbegriff der Frühen Neuzeit“ (1987) nahm er seine Lehrtätigkeit an der Frankfurter Uni auf und machte sich zugleich durch eine Fülle von Publikationen in Fachperiodika sowie ideenpolitische Essays in Publikumszeitschriften und Zeitungen eine Namen im engeren Kreis seiner Wissenschaft wie in einer breiten interessierten Öffentlichkeit. Mit einer beeindruckenden Reihe von Büchern, vor allem solchen über die veränderten Strukturen moderner Kriegsführung („Asymmetrie“), und kriegsgeschichtlichen Reflexionen erregte er die Aufmerksamkeit politischer Kreise. Spätestens nach seinem 2005 erschienen Buch „Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – Vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten“ gilt er als politischer Meisterdenker und wird von führenden Politikern als Gesprächspartner und Ideengeber geschätzt. So findet man ihn in den Planungsstäben des Auswärtigen- und des Kanzleramtes ebenso wie in Gesprächszirkeln bei der Führungsakademie der Bundeswehr.