Das Philosophische Quartett

Olympischer Spitzensport – Übermenschen unter sich

ZDF, Sonntag, 1. Juni 2008, 23:40 Uhr

Gäste:
Prof. Ines Geipel
Reinhold Messner


„Schneller, höher, weiter“ – Coubertins Credo des olympischen Spitzensports, das heute das bedingungslose Streben nach der absoluten Höchstleistung, dem immer neuen Überbieten des gerade erzielten Weltrekords zum alleinigen Maß erfolgreicher Sportlerkarrieren erhebt, steht in bizarrem Gegensatz zu dem aus allem gesellschaftlichen Kontext gefallen scheinenden anderen olympischen Motto „Siegen ist nichts, Dabeisein ist alles“, das an die Stelle der in gnadenlosem Wettkampf ausgetragenen Konkurrenz das Bild unverbindlich heiterer Welt-Jugendspiele beschwört.

Aber die Verhältnisse, jeder weiß es heute, sie sind nicht so. Vorbei die schöne Zeit, in der junge Menschen freundschaftlich, ohne Harm und Konsequenz ihre Kräfte mit- und aneinander maßen. Spitzensport heute ist eine Sache auf Biegen und Brechen, für Athleten die Spitzenleistung eine Frage nach Sein oder Nichtsein, ein Kraftakt im Weltmaßstab – mit demselben Globalisierungsstress, dem mittlerweile so gut wie alle nichtprivaten Unternehmungen ausgesetzt sind.

Wie denn auch anders? Leistungssport ist mehr denn je ein Spiegel der nachmodernen Gesellschaften: Wenige betreiben ihn, viele schauen zu. Er gehört (auch) zur weltweiten medialen Unterhaltungsindustrie, die ihre gutverkäuflichen Helden benötigt. Darum sind Spitzenathleten zugleich auch Unternehmer ihrer selbst, die versuchen, ans große Geld zu kommen, und darum – koste es, was es wolle – ihre körperlichen Leistungsgrenzen unausgesetzt hinausschieben. Mit erlaubten Mitteln – und mit unerlaubten. Verraten sie dann den Sport? Verkaufen sie ihre Ideale, ihre Seelen?

Die Sehnsucht nach Grenzerfahrung, danach, über sich selbst hinauszuwachsen, in der unerhörten Leistung die Überwindung körperlicher, mentaler und sozialer, im ganzen existentieller Grenzsetzungen zu finden ist sicher ein Zeichen der Zeit: Nicht mehr Leibesertüchtigung, sondern Körperkult ist im christlichen Westen die Devise, die in Zeiten längst nicht mehr bellizistischer Religion Glaubensinbrunst und -intensität angenommen hat. In dieser Religion des Leibes sind die Topathleten Hohepriester und Opfer zugleich. In dieser Sphäre der absoluten Höchstleistungen sind, um Nietzsche zu trivialisieren, die Übermenschen unter sich. Und wenn sie versagen oder bei unethischen Handlungen ertappt werden: gefallene Engel.

Braucht der Leistungssport ein neues Ethos? Oder genügt es, achselzuckend zu akzeptieren, dass der Spitzensportbetrieb aus der Dynamik moderner Gesellschaften lebt, die sich auf umkämpften Märkten behaupten müssen und Methoden entwickeln, den einen das Letzte abzuverlangen und den Unbrauchbaren die Rolle der Zuschauer zuzuweisen?

Ließe sich für die eisige Welt des Hochleistungssports, in der es stets um alles oder nichts, um beinhartes Geschäft und undurchschaubar erscheinende Politik geht, ließe sich mitten im grassierenden Optimierungswahn vielleicht doch die Idee des Spielerischen, also des Humanen, zurückgewinnen? Oder betreibt die Gesellschaft inzwischen das undurchdringlich Ernste mit den pervertierten Methoden des Spiels?

Diese und andere Fragen wollen aus Anlass der nahen Olympischen Spiele in Peking Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit ihren prominenten Gästen erörtern – zwei Persönlichkeiten des Sports, die in ihren Disziplinen Höchstleistungen erbracht, zugleich aber tiefer als andere über deren Bedingungen nachgedacht haben und über den Preis, den sie und andere zu zahlen hatten und haben. In der nachdenklichen Runde erzählen und argumentieren die einstige Staffel-Weltrekordlerin der DDR, die Schriftstellerin Ines Geipel, und der Extrembergsteiger, Abenteurer und Schriftsteller Reinhold Messner.

Die Gäste:

Ines Geipel, 1960 in Dresden geboren, gehörte sechs Jahre lang zu den Vorzeige-Sportlern der DDR. Zu Beginn der achtziger Jahre war sie Mitglied der Leichtathletik-Nationalmannschaft und stellte als Sprinterin 1984 in der Staffel des SC Motor Jena in Erfurt den noch immer gültigen Vereins-Weltrekord über 4 x 100 Meter auf. Aus politischen Gründen am Fortgang ihrer Sportkarriere gehindert, begann sie in Jena ein Germanistik-Studium, das sie nach ihrer Flucht aus der DDR im Sommer 1989 in Darmstadt fortsetzte, ergänzt durch das Studium der Philosophie und der Soziologie.

Als ruchbar wurde, dass die Athleten der DDR einem Zwangsdoping durch Steroide unterzogen worden waren, ließ sie, gegen den anfänglichen Widerstand des DLV, ihren Namen aus der Rekordliste streichen, da ihr Rekordlauf das Resultat einer dauernden Körperverletzung gewesen sei. Ihre eindeutige Haltung wurde ihr und wird ihr noch heute von vielen als Nestbeschmutzung verübelt.

Ines Geipel, die heute als Professorin für Deutsche Verssprache an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch arbeitet, ist auch als Schriftstellerin, Essayistin und Herausgeberin hervorgetreten. Bekannt wurde sie durch ihre Biografie („Auf einmal fiel der Himmel um“) der DDR-Schriftstellerin Inge Müller, der Ehefrau Heiner Müllers, und ihr Wirken für die verschwiegenen Dichterinnen und Dichter der DDR, denen sie Anthologien widmet und in einem Archiv, gemeinsam mit Joachim Walther, Vor- und Nachlässe ungedruckter DDR-Autoren sammelt. Ergänzt wird das Archiv von einer Edition „Die verschwiegene Bibliothek“, die Geipel und Walther herausgeben.

Ines Geipel hat zwei Romane veröffentlicht, zuletzt „Heimspiel“ (2005), die von der Kritik positiv aufgenommene Geschichte einer Flucht. 2004 publizierte sie die vielbeachtete erzählerische Dokumentation des Schulmassakers von Erfurt „Für heute reicht’s – Amok in Erfurt“. Seit der Aufdeckung ihrer unfreiwilligen Verwicklung in die Doping-Praxis der DDR kämpft sie für die Ächtung inkriminierter Leistungsoptimierungssubstanzen. Schon jetzt kritisiert sie die Olympischen Spiele in China als „gigantische Lügenkulisse“ und ist sich sicher: „In China wird es in den traditionellen Olympia-Sportarten keinen Medaillengewinner geben, der nicht gedopt ist.“ Politische Repression verbinde sich in Peking mit Doping auf höchstem Niveau. Soeben erschien ihre Schrift „No limit. Wieviel Doping verträgt die Gesellschaft?“.

Reinhold Messner, geboren 1944 in Brixen/Südtirol, ist heute zweifellos der berühmteste Bergsteiger der Welt, ein Ausnahme-Alpinist. Als erster Mensch hat der Italiener, oft im Alleingang, alle vierzehn Achttausender, so auch den Mount Everest, ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen, als zweiter Mensch überhaupt die Seven Summits, die jeweils höchsten Erhebungen der Kontinente, bezwungen. Er hat das ewige Eis der Arktis von Sibirien nach Kanada durchquert und die Wüste Gobi der Länge nach durchwandert. Er war dabei, als die „Ötzi“-Mumie entdeckt wurde.

Nahezu alle seine Bergtouren und zahllosen Wanderungen hat er in fast fünfzig packenden Buchpublikationen und Filmen dokumentiert, ein Lebenswerk, das eindrucksvoll von seiner Passion und den tiefen Einsichten zeugt, die er in die Natur der Gebirgswelten und die Bedingungen der Menschen, die dort leben, gewonnen hat. Die Philosophen Max Stirner und Nietzsche, Goethe und den Schriftsteller und Freund Christoph Ransmayr nennt er selbst als seine Ideengeber. Stets das unmöglich Scheinende dennoch gewagt und getan zu haben, Grenzen für sich selber nach genauer Risikoanalyse nicht akzeptiert und überwunden zu haben, hat ihn zu einer singulären Persönlichkeit werden lassen: „Mein Leben am Limit“ hieß bezeichnenderweise eine Selbstbesinnung, die er 2004 veröffentlichte.

Messner lebt heute auf seinem Schloss Juval im Vinschgau. In Sulden am Ortler züchtet er Yaks und unterhält an mittlerweile fünf verschiedenen Orten das Messner Mountain Museum (MMM) mit der Zentrale auf Schloss Sigmundskron in Firmian. Hier und in den Filialen zeigt er in wissenschaftlichen Dokumentationen und pädagogisch-erzählerischen Darlegungen alles, was der Mensch mit dem Berg und der Berg mit dem Menschen macht. Es geht um das Werden und Vergehen der Berge, um die Eismassen der Gletscher, um Mystik, Religion und uralte Kulturen, um die Erschließungsgeschichte der Bergwelten, die Historie des Bergsteigens und die noch unerschlossene Geschichte der unterschiedlichsten Bergvölker.

„Wer hinaufsteigt, kommt als ein anderer zurück“ – sein Lebensmotto hat der studierte Vermessungskundler auch in seiner politischen Arbeit beherzigt. Von 1999 bis 2004 war er Abgeordneter der italienischen Grünen im Europäischen Parlament. Sein bitteres Fazit: „Politik rettet die Welt wohl nicht.“

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