Das Philosophische Quartett

Markt der Illusionen – Wie der Kredit seinen Kredit verlor

ZDF, Sonntag, 30. November 2008, 23:45 Uhr

Gäste:
Prof. Dr. Albrecht Koschorke, Geisteswissenschaftler
Prof. Dr. Rüdiger von Rosen, Finanzwissenschaftler

DAS THEMA

War da was? Eben sahen sich die Deutschen mit der Weltgemeinschaft noch am Abgrund einer der härtesten Finanz- und Wirtschaftskrisen der vergangenen achtzig Jahre, duckten sich eben noch vor der unkalkulierbaren Wucht der einbrechenden Katastrophe. Doch schon haben sie sich, wie es scheint, beruhigt, lehnen sich entspannt zurück, bedauern die Mitbürger, die es dann doch etwas böser erwischt hat: Wird alles wohl nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wurde? Weit gefehlt: Was an Stammtischen und in den Medien mit großem, hochbesorgtem Wortgetöse kommentiert wurde und von der Politik mit machtvollen höchst kostspieligen Eingriffen in das freie Wirtschaften beherrschbar gemacht werden sollte, geht nach Manager-Mobbing und Banken-Bashing nun in eine gefährliche, weil weitaus weniger spektakuläre Phase. Jetzt folgen Abschwung, Rezession, Niedergang der Realwirtschaft unter scharfer Bedrohung des Mittelstands, der auch nach den milliardenschweren Notmaßnahmen für gefährdete Banken mehr denn je um überlebensnotwendige Geschäftskredite bangen muss.

Hat das System versagt? Ist der Kapitalismus, die bis dahin gescheiteste und erfolgreichste Art zu wirtschaften, am Ende, ist er methodisch gescheitert? Haben wir zu Unrecht Vertrauen in die Vernunft des Marktes gesetzt und all die Jahre mit Zitronen gehandelt - auf einem Markt der Illusionen? Wie immer man das weltweite Desaster und die globalen Rettungsversuche bewertet, ist die Frage doch berechtigt, ob nur handwerkliche Fehler zum Kollaps der internationalen Finanzwelt führten - oder ob nicht andere, ethische wie moralische Kategorien zur Erklärung und Erhellung bemüht werden müssen.

Mit ihren Gästen, dem Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Aktieninstituts, früheren Bundesbanker und einstigen Frankfurter Börsenchef, Prof. Dr. Rüdiger von Rosen, sowie dem Konstanzer Geisteswissenschaftler, Kulturtheoretiker und Theoretiker des politischen Imaginären, Prof. Dr. Albrecht Koschorke, wollen Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski daher ergründen, wie es kam, dass das Vertrauen in die kreativen und heilenden Kräfte der freien und sozialen Marktwirtschaft zusammenbrach, wie es geschehen konnte, dass der Kredit seinen Kredit verspielte.
 

DIE GÄSTE

Prof. Dr. Albrecht Koschorke, geboren 1958 in Kastellaun/Hunsrück, studierte Literaturwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte, Kommunikationswissenschaft und Ethnologie in München und Paris. Nach seiner Promotion 1989 über "Die Geschichte des Horizonts" hatte er bis 1997 Assistentenstellen an der Universität Würzburg und der Freien Universität Berlin inne, wo er sich mit einer Arbeit über "Körperströme und Schriftverkehr" einer Auseinandersetzung mit der Schriftkultur des 18. Jahrhunderts, habilitierte. 2001 nahm er den Ruf auf den Lehrstuhl für Allgemeine Literaturwissenschaften an der Universität Konstanz an, wo er auch die Forschungsstelle "Kulturtheorie und Theorie des politischen Imaginären" begründete. Koschorkes wissenschaftliches Interesse ist weit gefächert. Er gilt unter deutschen Geisteswissenschaftlern als außergewöhnlich innovativer und produktiver Forscher. Aus Anlass der Verleihung des Leibniz-Preises 2003 der Deutschen Forschungsgemeinschaft an ihn formulierte die Jury, grundlegend für das wissenschaftliche Werk Koschorkes sei die Frage, wie soziale Strukturen, medizinische Menschenbilder, ökonomische Systeme, technische und mediale Erfindungen, Wahrnehmungsmöglichkeiten und Imaginationen miteinander verknüpft seien. Seine zahlreichen Publikationen belegen sein komplexes Denken, so seine Untersuchung "Des Kaisers neue Kleider. Über das Imaginäre politischer Herrschaft" (2002) sowie "Der fiktive Staat. Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas" (2007). Regelmäßig äußert sich Koschorke auch in Zeitschriften und Zeitungen, so jüngst in einem grundlegenden Artikel der Süddeutschen Zeitung, in dem er sich von den jähen Ausschlägen an der Börse unsanft daran erinnert fühlt, welche Rolle Fiktionen für das alltägliche Funktionieren moderner Gesellschaften und ihrer Volkswirtschaften spielen. Koschorke ist auch Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters "Kulturelle Grundlagen von Integration" und Sprecher des Netzwerks "Transatlantische Kooperation".

Prof. Dr. Rüdiger von Rosen wurde 1943 auf dem Rittergut Grocholin in der Provinz Posen geboren. Nach seinem Abitur 1962 absolvierte er eine Ausbildung zum Bank-kaufmann bei der Dresdner Bank in Frankfurt am Main. Nach zwei Jahren Wehrdienst studierte er bis 1970 Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Bankbetriebslehre an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt, arbeitete bis 1973 beim Institut für Kapitalmarktforschung und promovierte dort mit einer Dissertation über "Der Zentrale Kapitalmarktausschuss - ein Modell freiwilliger Selbstkontrolle der Kreditinstitute". Kurz darauf wechselte er zur Deutschen Bundesbank, wo er bis 1986 in verschiedenen Funktionen tätig war: zunächst als Assistent des Bundesbankpräsidenten Otmar Emminger, später für Karl Otto Pöhl, dessen Büro er von 1980 an leitete; vier Jahre später unterstand ihm in seiner Position als Bundesbankdirektor die Hauptabteilung und Information. Von 1986 bis 1992 wirkte er als Geschäftsführer für die Arbeitsgemein-schaft der Deutschen Wertpapierbörsen, bevor er von 1990 bis 1994 der Deutschen Börse AG in Frankfurt vorstand. Seit Anfang 1995 ist er Vorstandschef des Deutschen Aktieninstituts, dem Verband der börsennotierten Aktiengesellschaften und Institutionen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zählt ihn "am Finanzmarkt Frankfurt zu den unverwechselbaren Akteuren", was nicht nur an seinem ironisch eingefärbten Kommunikationstalent, "sondern auch an einem breiten Interessenspektrum, das mit Geldmarkt, internationalen Beziehungen, dem Erklimmen richtig hoher Berge in Tibet, Nepal oder Afrika, moderner Kunst oder Aktienakzeptanz längst nicht erschöpft" sei. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse ist Ehrendoktor der Universität Kiew, Professor an der Frankfurter Universität und Konsul von Lettland. Rüdiger von Rosen ist Autor zahlreicher Fachpublikationen, zuletzt "Wertorientierte Unternehmensüberwachung durch den Aufsichtsrat" (2005), "Die börsennotierte Familienaktiengesellschaft" (2006) sowie Aktie und Kapitalmarkt" (2008).

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